Film und Fernsehen

Simon Verhoevens Film-Erlebnis „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ (2026)

Wer schon – vor einem Kinobesuch – Joachim Meyerhoffs autobiografischen Roman „Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“1, Teil seines Romanzyklus mit dem Obertitel „Alle Toten fliegen hoch“2 gelesen hat, wird gespannt sein, wie dieses sehr lesenswerte, abwechselnd humorvoll-skurrile und vereinzelt ans philosophisch-Tragische grenzende literarische Werk filmisch umgesetzt werden kann.3

Es kann, das darf bereits gesagt werden: Bedingt durch eine schauspielerisch sehr eindrucksvolle Leistung,4 auch in sogenannten „Nebenrollen“,5 zum Lachen, Lächeln anregende oder eher traurige Gefühle hervorrufende Texte/Dialoge und Einblicke in psychische  „Abgründe“, ein stimmiges „Bühnenbild“( Design/Ausstattung/Requisiten!) und nicht zuletzt eine kameratechnisch gelungene Adaption mit unterschiedlichen Einstellungsgrößen, von Close-ups über Szenen bei Naturspaziergängen bis zu solchen, die die Weite der Landschaft betonen.6

Auch thematisch wird Vieles, wenn auch nicht so ausführlich wie im Roman7, anschaulich an den Zuschauer/die Zuschauerin gebracht: Coming-of-Age Entwicklungsdramatik (Reifeprozess und Identitätssuche), die Atmosphäre der späten 1980er- und frühen 1990er-Jahre mit einer an kaum erträgliche Härte grenzenden Schauspielausbildung des Protagonisten, das Interagieren verschiedener Generationen (Großeltern, Eltern, Kinder/Enkel), die Rolle von Vergangenheit (Kindheitserinnerungen) und deren teilweise gravierende Auswirkung auf die „Gegenwart“, die die Menschheit schon immer bewegenden Themen von (nicht erfüllter/erfüllbarer) Liebe und (plötzlich hereinbrechendem, den Sinn des Lebens in Frage stellenden) Tod.

Humorvoll-Skurriles lockert eine bisweilen emotional sehr berührende Thematik immer wieder auf, auch wenn dabei des Öfteren das Lachen im Halse „stecken“ bleibt und eher nachdenklich macht: Zur Sprache kommen das von Narben verunstaltete Bein der Großmutter und ihre auf das Gebrechen abgestimmte umfangreiche Schuhsammlung, die regelmäßigen Gymnastikübungen des Großvaters – auch in winterlicher Kälte – auf dem Balkon, das morgendliche, rituelle Synchron-Gurgeln der Großeltern mit einer Enzian-Lösung (die hinunterge- schluckt wird!), die Schildkrötensuppe, deren Bestände von den Großeltern noch rechtzeitig vor einem Verbot in den ihnen bekannten Läden aufgekauft werden, gemeinsame Wanderungen der Großeltern mit ihren Enkeln (zusammen wird der für die Kinder eher nervige Kanon „Froh zu sein bedarf es wenig“ gesungen…), wobei solche Unternehmungen auch mal aufgrund veralteten Kartenmaterials an einer Autobahn landen, Szenen der Schauspielarbeit, bei denen Fontane und Nilpferd „unter einen Hut“ zu bringen sind und nicht zuletzt – und vor allem – teilweise an regelrechte „Exzesse“ grenzende Alkohol-Rituale: Ein Glas Champagner vor dem Frühstück, begleitet von einer Fülle  einzunehmender Tabletten (!), der Sechs-Uhr-Whisky als Beginn des Abends und Alkohol im Allgemeinen und  Whisky im Besonderen als „Lösung“ so manch auftauchenden Problems…

Fazit: Ein wirklich sehenswerter Film, unterhaltsam, urkomisch, auch genau beobachtend, nachdenklich und vor allem von hervorragenden Schauspieler(inne)n verkörpert!

1 Der Autor nimmt hier Bezug auf Goethes Die Leiden des jungen Werther [Deutscher Taschenbuch Verlag München 21979, S.83]: „Ach diese Lücke! diese entsetzliche Lücke, die ich hier in meinem Busen fühle! – Ich denke oft, wenn du sie [Lotte] nur e i n m a l, nur einmal an dieses Herz drücken könntest, diese ganze Lücke würde ausgefüllt sein.“ Meyerhoff verarbeitet dabei den Verlust, die in das Brüder-Trio geschlagene „Lücke“ seines mittleren Bruders, der bei einem Unfall ums Leben kam. Die „Lücke“ wird immer wieder spürbar, stürzt den Protagonisten in aufwühlende, fast depressive Momente, verdeutlicht ihm wiederholt die Sinnlosigkeit seines Tuns. Im Roman selbst heißt es dazu: „Dieser Selbstmord [Werthers, vom Protagonisten für die Bühne adaptiert] war nichts anderes als der finale Versuch, mit sich eins zu werden, diese entsetzliche Lücke zu schließen. Der Schuss war die letzte verbleibende Möglichkeit, das zerfallene Ich zu einer unantastbaren, harmonischen Leiche zu verschmelzen.[…] Nur im Tod, begriff ich, ist der Mensch eins mit sich. Damals war ich mir sicher, eine sensationelle Entdeckung gemacht zu haben, und mit meiner Expedition in Werthers Lücke den Schauspielerberuf zu revolutionieren.“ [Kindle-Ausgabe Verlag Kiepenheuer&Witsch, Köln eBook © 2015, S.348]. Es fragt sich, wie – vielleicht über die Kunst bzw. Schauspielerei – Identität und Authenzität hergestellt werden können.

2 Anspielung auf das bekannte Kinderspiel „Alle Vögel fliegen hoch“. Die wunderbare Leichtigkeit des Fliegens holt die „Toten“ – Bruder, Vater, Großeltern – bejahend in die erzählerische Gegenwart zurück, macht sie lebendig, lässt sie nicht vergessen: „Verlässlicher Besuch aus dem Totenreich. Es kommt mir so vor, als würde es sie freuen, wenn ich mich an sie erinnere.“ [Kindle-Ausgabe, S.348]

3 „Adaption“ ist wohl der bessere Begriff für „Verfilmung“, „da er die dem Film eigenen Möglichkeiten des Erzählens und die Eigenständigkeit der Medien betont.“ [siehe https://www.kinofenster.de/unterrichten/filmglossar#adaption]

4 Stellvertretend seien der exzellente, mit eindrucksvoller Mimik brillierende Hauptdarsteller mit Bruno Alexander als Joachim/“Lieberling“ angeführt, die schauspielerisch glänzende Senta Berger als Großmutter und der in jeder Hinsicht als „Widerpart“ überzeugende Michael Wittenborn als Großvater.

5 Johann von Bülow, Friedrich von Thun, Tom Schilling, Karoline Herfurth und viele andere lassen Zuschauer/Zuschauerinnen vergessen, dass es sich bei ihrer Besetzung um „fiktionale“ und nicht „reale“ Figuren handelt.

6 Simon Verhoeven, der Sohn von Mutter Senta Berger, hat dabei dramaturgisch abwechlsungsreich hervorragende Regiearbeit geleistet. Der Film gleitet nie ins übertrieben Komische oder gar in Slapstick ab, was vielleicht aufgrund der Romanvorlage durchaus in manchen Szenen möglich gewesen wäre.

7 Siehe z.B. die „Verfolgung“ des Protagonisten, der einen Fotoband, in den er sich „verliebt“ und deshalb in einer Großbuchhandlung am Marienplatz geklaut hatte, weil er, so absurd das klingen mag, „etwas Irrationales tun“, „außerhalb der Schauspielschule, außerhalb der Großelternwelt etwas Eigenes erleben“ wollte.[Kindle-Ausgabe, S.305 und S.310] Auch manch köstliche sprachliche „Highlights“ lassen sich kaum filmisch umsetzen: „Ein eindrucksvoller Riesenkerl mit der Ausstrahlung eines Geldtransporters“ [Kindle-Ausgabe, S.77], „Plötzlich war es so kühl in meinem Mund, als hätte ich in einen Schneeball gebissen“ [Kindle-Ausgabe, S.117] oder auch [Gesangslehrerin] „ihr ganzes Gesicht ging auf wie ein Fallschirm“ [Kindle-Ausgabe, S.133].

Sämtliches Bildmaterial wurde von der Pressestelle als Stills lizenzfrei zur Verfügung gestellt!

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