01. Mit Erik Völker auf den Spuren von Bert Brecht im Brechthaus Augsburg
02. Mit Bettina Perz in Brechts Augsburg unterwegs
Mit Erik Völker auf den Spuren von Bert Brecht im Brechthaus Augsburg
Am 14. August 1956 starb Bertolt Brecht an den Folgen eines Herzinfarkts. Ebenfalls an einem 14., im Februar 2026 und 70 Jahre später, führte Erik Völker eindrucksvoll in einer 90-minütigen „Performance“ durch Brechts Biografie und Schaffen in Brechts Geburtshaus, dem Handwerkerhäuschen „Auf dem Rain“ 7 im Lechviertel, dem sogenannten Brechthaus. Dabei schlüpfte er immer wieder, ausgestattet mit Schirmmütze, Ledermantel und auch der bei Fotos von Brecht häufig zu sehenden Zigarre dramatisch anschaulich in die Rolle des Künstlers . Dazu mit einer sonoren, wohlklingenden Stimme, die, in Begleitung einer kleine Gitarre, wiederholt beim Liedvortrag zu Gehör gebracht wurde.1
Aber wie hieß er denn nun eigentlich „richtig“ mit Vornamen? Berthold mit „h“, Bertolt, Eugen oder Friedrich? Eine humorvolle Einführung des „Reiseführers“ Erik Völker durch Brechts Leben gab darauf klar und deutlich eine Antwort: Der vollständige Geburtsname lautet natürlich Eugen Berth[!]old Friedrich Brecht, geboren am 10. Februar 1898 zu Augsburg. Weltweit bekannt wurde er aber unter seinem Künstlernamen Bertolt Brecht oder auch in aller Kürze Bert Brecht.
Völker brachte eine Fülle interessanter Details zu Brechts Leben zum Vortrag, illustriert auch durch verschiedene übersichtliche Schaubilder. Als Besucher der gelungenen Führung wurde man/frau sicherlich dazu angeregt, das eine oder andere Werk Brechts einer (erneuten) Lektüre zuzuführen.
Brecht selbst hatte es dabei nicht immer leicht als Autor: Er wurde „gebrandmarkt“ als „schwieriger“, „verlorener“ oder gar „missratener“ Sohn Augsburgs.2 In dieser Hinsicht hat sich in „modernen“ Zeiten einiges geändert: Brecht wird geehrt durch das jährlich stattfindende Brechtfestival, seine Werke werden vom Staatstheater Augsburg aufgeführt und es gibt sogar einen „Brecht-Shop“ der von der Buchhandlung am Obstmarkt betrieben wird.
Fazit: Eine Teilnahme an der von Erik Völker geleiteten Führung ist wirklich sehens- und hörenswert!
Gelegenheit dazu gibt es noch am 14. März und 26. April um 14.30 Uhr.
1 Völker hat übrigens u.a. auch Gesang studiert, ist als Konzertsolist aufgetreten und hat als Bariton zeitgenössische Musik interpretiert. [siehe https://staatstheater-augsburg.de/erik_voelker]
2 Der ehemalige Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger soll z.B. Brecht im Jahr 1956 als „einen der größten Dichter, aber einen der missratensten Söhne unseres Volkes“ bezeichnet haben. Anlass dazu war wohl u.a. Brechts Marxismus und dessen Entscheidung, in die DDR zu ziehen und sich somit als kulturelles „Aushängeschild“ eines sozialistischen Staates zu präsentieren.
Mit Bettina Perz in Brechts Augsburg unterwegs (30.06.2026)
„Ich, Bertolt Brecht“ ist der Titel eines sehr informativen Spaziergangs durch Brechts Augsburg, der am 30. Mai 2026 unter der sehr kompetenten und auch mit humorvollen Einschüben gewürzten Führung von Bettina Perz1 stattfand. Man/frau erfuhr nicht nur interessante, überraschende Details über Brecht selbst, sondern auch über die Fuggerstadt Augsburg im Allgemeinen.
An Originalschauplätzen der Altstadt begegnete den zahlreichen Brecht-Interessierten sogar wiederholt der Dichter „in Person“2 und gab humorvoll-kritische Lieder in Gitarrenbegleitung zum Besten.
Start war am Rathausplatz mit einer Brecht-Serenade, die es in sich hatte. Als Auszug mögen die folgenden Zeilen dienen: „Jetzt wachen nur mehr Mond und Katz/Die Menschen alle schlafen schon/Da trottet übern Rathausplatz/Bert Brecht mit seinem Lampion.“ Und das in nicht mehr ganz nüchternem Zustand: „Dann taumelt trunken durch die Nacht/Bert Brecht mit seinem Klampfentier.“3
Augsburgs Denkmäler beschäftigten Brecht natürlich, so ein besonderes Erbe Augsburgs wie der Goldene Saal im Rathaus, wo der Augsburger Kreidekreis zum Teil auch gedanklich spielt. Der Fugger Stadtpalast Augsburg, der „früheste profane Renaissancebau nördlich der Alpen“, war dann als Einstieg gut geeignet, um über die ersten Augsburger Jahre Brechts etwas zu erzählen.
Hier besonders interessant ein Zitat Brechts, das so beginnt:
„Vom armen B. B.
I
Ich, Bertolt Brecht, bin aus den schwarzen Wäldern.
Meine Mutter trug mich in die Städte hinein
Als ich in ihrem Leibe lag. Und die Kälte der Wälder
Wird in mir bis zu meinem Absterben sein.“4
Ungewöhnlich dabei: Das lyrische Ich identifiziert sich wortwörtlich als Autor – daher auch der Name der Führung. Er schien seiner Heimatstadt sehr verbunden zu sein, diese war es ihm lange nicht, „ist es jetzt aber mittlerweile seit einigen Jahrzehnten wieder“.
„Wenn man über Brecht spricht in Augsburg, muss man unbedingt die Altstadt erlaufen“, was unsere Stadtführerin mit der Gruppe eindrucksvoll tat.
Es erfolgte eine erste ‚Begegnung‘ mit B.B.2 – historisch-politische Erinnerungen in dunklen Zeiten: ‚Emigration?‘5, nein, „Vertriebene sind wir, verbannt“…“Meine Identität, ausgebürgert, meine Werke, ausgelöscht“ – Bücherverbrennung des Naziregimes … „Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen“ …“der feindliche Ausländer“ genannt… wie bekommt man nur einen Pass?? — Ursprünglich Augsburger, war Brecht „zeitweise staatenlos, ihm ist von den Nationalsozialisten die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt worden“. B.B. war österreichischer Staatsbürger, die Österreicher haben ihm einen Pass gegeben, „wohnhaft war er aber in der DDR.“
Das Augsburger Wassermanagement-System ist seit 2019 offizielles UNESCO-Welterbe. Das Thema ‚Wasser‘ führt auch in Brechts Texten „wie ein blauer Faden durch seine Augsburger Biografie“. In der Lyrik findet sich zum Beispiel sein Gedicht „Vom Schwimmen in Seen und Flüssen“ oder „Das Lied von der Moldau“.
Eine weitere Station die ‚Lechklause‘ – ‚Gablers Taverne‘ genannt:
„Etwas in die Jahre gekommen und dennoch ein Augsburger Unikat ist die seit Jahren geschlossene Altstadt-Beize ‚Lechklause‘ im denkmalgeschützten Handwerkerhaus am Vorderen Lech.
Im Erdgeschoss befand sich seit der Jahrhundertwende eine Gastwirtschaft, die zur Lieblingskneipe von Bert Brecht und seinen Freunden6 wurde. Hier hat die gute alte Branntweinbrennerei 1899 ihren Platz unter der Leitung von Christian Gabler gefunden und ist auch unter dem klangvollen Namen Gablers Taverne bekannt.“7
Interessant auch der Innenhof der Barfüßerkirche, „die erste evangelische Kirche in Augsburg […], die Tauf- und Konfirmationskirche von Brecht“.
Schließlich die Ankunft in Brechts Geburtshaus, wo die sehr gelungene Führung wieder mit B.B.s ‚Verkörperung‘ durch Erik Völker und seinen zahlreichen Informationen zum Dichter aufwartete und als krönender Abschluss, von Bettina Perz vorgetragen, die „Kinderhymne“ von Brecht, 1950 verfasst:
- Anmut sparet nicht noch Mühe
Leidenschaft nicht noch Verstand
Daß ein gutes Deutschland blühe
Wie ein andres gutes Land. - Daß die Völker nicht erbleichen
Wie vor einer Räuberin
Sondern ihre Hände reichen
Uns wie andern Völkern hin. - Und nicht über und nicht unter
Andern Völkern wolln wir sein
Von der See bis zu den Alpen
Von der Oder bis zum Rhein. - Und weil wir dies Land verbessern
Lieben und beschirmen wir’s
Und das Liebste mag’s uns scheinen
So wie andern Völkern ihrs.
1 Gästeführerin in Augsburg seit 2014, Kunstvermittelnde an mehreren Museen in Augsburg und ehrenamtliche Stadtführerin in Friedberg. Außerdem führt sie auch als Augsburger Bäsle in Gewandung und ist zweite Vorsitzende des Augsburger Brecht-Kreises. Natürlich konnten von mir nicht alle ‚Stationen‘ der Führung berücksichtigt werden. Bettina Perz hat jedenfalls überzeugend Örtlichkeiten zusammengestellt, die Brechts Aktivitäten in Augsburg gut nachvollziehen lassen.
2 Erik Völker, Schauspieler und Opernsänger, der zur Gitarre eindrucksvoll verschiedene Lieder vortrug.
3 aus: Bertolt Brecht: Werke. Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, Band 13: Gedichte 3. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 1993.
4 https://www.planetlyrik.de/peter-demetz-zu-bertolt-brechts-gedicht-vom-armen-b-b/2021/06/
5 Dänemark – Schweden – Amerika (USA)
6 Darunter Caspar Neher, eigentlich Rudolf Ludwig Kaspar Neher (* 11. April 1897 in Augsburg; † 30. Juni 1962 in Wien), der ein deutsch-österreichischer Bühnenbildner und Textdichter war. Er ist unter anderem wegen seiner lebenslangen Zusammenarbeit mit Bertolt Brecht bedeutend.[https://de.wikipedia.org/wiki/Caspar_Neher]
7 https://www.augsburger-altstadt.de/entdecken/geschichten/die-gehemnisse-der-lechklause/
8 https://www.deutschelyrik.de/kinderhymne-1950.html
Erik Völker als ‚Brecht‘ bei der Stadtführung. Fotos: sto – mit freundlicher Genehmigung des Künstlers.