01 Artur Rubinstein
02 Alexis Weissenberg – Swjatoslaw Richter – Jorge Bolet
03 Paul Badura-Skoda
04 Vadym Kholodenko
05 Alexander Malofeev
06 Mahler Chamber Orchestra
07 Divertimento mit Jürgen Scholz
Vadym Kholodenko brilliert mit Prokofjews 2. Klavierkonzert g-Moll op.16 mit den Wiener Symphonikern unter Leitung von Omer Meir Wellber im „Wiener Konzerthaus“ (Großer Saal) am 4.12.2025
Im Beiblatt zum Programm wird bedauert „mitteilen zu müssen“, dass Yuja Wang „aus gesundheitlichen Gründen“ nicht wie geplant auftreten kann.
Sie wurde jedoch, wie ich meine, von einem herausragenden Pianisten der Spitzenklasse1 mehr als würdig vertreten. Wenn man bedenkt, dass Vadym Kholodenko extra seine England-Tour unterbrochen und die von Wang vorgesehenen Konzerte kurzfristig übernommen hat, spricht allein das schon für sich.
Prokofjews 2. ist nicht irgendein Konzert, das mal so „nebenbei“ adäquat „heruntergespielt“ werden kann, es zählt in Fachkreisen zu den technisch anspruchsvollsten Klavierwerken dieses Formats, ist also durchaus eine Herausforderung auch für manchen Berufspianisten. Als Prokofjew das Stück einstudierte, verwandte er wenigstens vier Stunden jeden Tag darauf und bemerkte, dass es sich herausstellte „to be incredibly difficult and merciless tiring“2.
Joachim Kaiser schreibt, es „provozierte Proteste: zu kühn, zu kantig, zu wiederborstig.“3 Ich finde es aber bedauerlich, dass er in seinem Buch nur auf Prokofjews 3. Klavierkonzert (es „gehört zu den populärsten und brillantesten Klavierkonzerten des 20. Jahrhunderts“) näher eingeht…Dabei hat das 2. – „very ‚Russian‘ in mood – melancholy, lyrical and hollow“ (mit Letzterem bin ich nicht einverstanden…)4 – so viel zu bieten: fast schon „neo-romantische“ Anklänge, getragene, ruhige Passagen bis zu „metallisch“ harten, fast „atonal“ anmutenden Akkord-Clustern mit verschiedenen pianistischen eingebauten Raffinessen, wie z.B.Glissandi, alles von Kholodenko überzeugend dargeboten. Im ersten Satz von ihm besonders eindrucksvoll interpretiert: Die sehr schwierige, über fast hundert Takte anhaltende Solokadenz. Dabei war aus meiner Sicht sehr überzeugend, dass die Passagen nicht nur überragend virtuos, mit vollem – und auch sichtbarem! – Körpereinsatz vorgetragen wurden, sondern auch harmonisch-melodisch in der Artikulation zum Tragen kamen und nicht etwa, wie öfter zu hören, als an „Lärm“ grenzende Klanganhäufungen endeten, wobei dann das Ende des 1. Satzes ohnehin sehr lyrisch ausklang5. Es ist für mich deshalb in unseren Zeiten nicht so einfach nachvollziehbar, dass das Konzert bei der ersten Aufführung in Petersburg einen derartigen „Skandal“ provozierte.
Bei Kholodenkos Vortrag wurde für mich auch der „emotionale“ Gehalt des Werkes und die vom Flügel kommenden fast orchestralen Klänge sehr gut vermittelt, was nicht nur ich, sondern das Publikum insgesamt mit Begeisterung aufnahm. Der Pianist konnte seine Zuhörerinnen und Zuhörer von Pianissimo bis Fortissimo mit seinen dargebotenen Klangfarben immer wieder beeindrucken. Schade, dass er in einigen wenigen Passagen vom ansonsten sehr gut mit ihm harmonierenden Orchester „übertönt“ wurde. Aber bei diesem so kurzfristig angesetzten Zusammenspiel ist das locker zu vernachlässigen!
Alles in allem eine denkwürdige Aufführung, die ich so schnell nicht vergessen werde.
1Vadym Kholodenko gewann beispielsweise 2010 bei der Sendai International Music Competition und 2011 beim Internationalen Schubert-Wettbewerb Dortmund der Ersten Preis, sowie 2013 die Goldmedaille der Van Cliburn International Piano Competition (Infos aus dem Beiblatt zum Programmheft).
2Sergei Prokofiev : A Biography by Harlow Robinson – Publication date 1987.
3Joachim Kaiser: Kaisers Klassik DA CAPO – 100 Meisterwerke der Musik, Band II, München 1999, S.393.
4 siehe Robinson
5Vgl. Reclams Klaviermusikführer Band II, Stuttgart 1986: „…die Solokadenz…ein Nonplusultra an Klangmasse und Schwierigkeit…Trotzdem ist es kein hohler Lärm [sic!]“, S.852.
Mit Alexander Malofeev auf dem Weg in die „Moderne“ – ein eindrucksvoller Klavierabend im kleinen Saal der Elbphilharmonie Hamburg am 28.01.2026
Beginnen wir einmal, ganz ungewohnt, am Ende: Lautstarker Applaus und Standing Ovations in einem ausverkauften Konzert mit vier (!) Zugaben, und das mit einem Programm, dessen Zusammenstellung sicher für manchen Klavierliebhaber zumindest ungewohnt war und eine neue Hörerfahrung eingefordert hat. Nicht jedem – auch mir nicht – war Klaviermusik von Sibelius (seine Sinfonien sind beispielsweise sehr „eingängig“ und populär) geläufig oder die zweite Sonate von Rautavaara (auch hier sind seine Sinfonien sicher ein Begriff) oder auch, „traditioneller“, in den Klangfarben an Debussy erinnernd die Cinq préludes fragiles op.1 von Arthur Lourié.
Malofeev hat hier intelligent Bezüge hergestellt zwischen den einzelnen Stücken.
So war beispielsweise Lourié u.a. geprägt von Debussy, und Strawinsky, dessen Symphonies d’instruments à vent in der Bearbeitung für Klavier von Lourié zu Gehör kamen, war befreundet mit Lourié und erwähnt Debussy in „Leben und Werk – von ihm selbst“ (1957) folgendermaßen: „Schon damals [in seiner Jugendzeit] kristallisierten sich in mir die Anfänge eines verwandtschaftlichen Gefühls […] für die eindrucksvolle Freiheit und Frische des Handwerks bei Debussy, die zu jener Zeit etwas vollkommen Neues bedeutete.“1 Andererseits wurde Strawinskys Der Feuervogel von Debussy bewundert, der ihm sogar die drei Stücke für zwei Klaviere En blanc et noir widmete.2
Sibelius (Finnland) mit seinen Cinq Morceaux op.75 und Griegs (Norwegen) Aus Holbergs Zeit op.40 stehen sich natürlich auch nahe: Gemein ist ihnen beispielsweise ihre Liebe zur Klavierminiatur und ihr Bezug zu den Quellen heimischer Folklore.3
Prokofjews 2. Sonate op.14 (Beginn des 2.Teils des Konzerts), die, so Fischer, den „Aufbruchsgeist der sowjetischen Moderne“ verkörpert, lässt widerum Anklänge an Strawinskys „Geschichte vom Soldaten“ vermuten, was auch die „stilistische Neuartigkeit der Sonate“ bestätigt.4
Hier sei eine spezielle Anmerkung zum hoch virtuosen Spiel Malofeevs gemacht, der die ausgeprägte Rhythmik der Sonate, ihre dramatischen Kontraste und ihre „Wucht“ sehr überzeugend zum Ausdruck brachte: Klarheit, „clarté“, wiedergegeben auf dem Instrument in Perfektion, präziser Anschlag, deutliche rhythmische Klarheit, kein Rubato, sparsamer rechter Pedalgebrauch und dadurch erhöhte Transparenz – das zeichnet Malofeev, wie ich meine, im Vergleich zu vielen anderen Pianisten sehr positiv aus. An diesem Abend natürlich nicht nur bei Prokofjew, sondern bei allen dargebotenen Stücken. Es ist sicher kein Zufall, dass dem Komponisten wie auch dem Pianisten die Form „kristalliner Klarheit“ am Herzen lag, „Klarheit im Ausdruck der Ideen und Knappheit, Vermeidung alles Überflüssigen bei ihrer Vermittlung“.5
Wurde das Lyrische bei Sibelius oder die tänzerische, rhythmisch spielerische „Spritzigkeit“ bei Grieg überzeugend zu Gehör gebracht, führte Rautavaaras Sonate (Ende des 1. Teils des Konzerts) in eine ganz andere Welt: Größtmögliche, perkussive Klangwucht wechselt mit eher lyrischen, offensichtlich impressionistischen Einflüssen (wieder einmal ein möglicher Bezug zu Debussy?!) und führt zu einem furiosen Finale, dessen letzter Satz nicht von ungefähr mit „Allegro brutale“ bezeichnet wird. Hier (wie anderswo) kommt Malofeevs Einsatz seiner vorzüglich gehandhabten, gerade in diesem Stück erforderlichen Pedaltechnik zum Einsatz: Anweisungen in der Partitur wie „senza pedale una corda“, „Ped. (echo!)“, „Lift the pedal gradually!“ etc. spielten dabei eine wichtige Rolle, vor allem für die schon erwähnte „Klarheit“ der Komposition. Außerdem wurden alle Abstufungen von ppp bis fff ausgeführt, sowie spektakuläre Cluster-Wiedergaben mit dem Unterarm!!! „(with the hand…and the arm)“ Malofeev beeindruckt auch durch präzise ausgeführte Staccato-Passagen und macht einer Anweisung Rautavaaras alle Ehre: „crushing!“ mit der Folge einer begeisterten Reaktion des Publikums!
Es ist übrigens auch bemerkenswert, dass der Pianist trotz eines störenden Außengeräusches (eine Art Alarmanlage??) sich im ersten Teil des Konzerts nicht aus der Ruhe bringen ließ und freundlich lächelnd bis zur Behebung des Defekts auf seinem Klavierhocker gelassen sitzen blieb…
Im zweiten Teil des Konzerts begibt sich der Pianist wieder in für den „normalen“ Hörer zugänglichere Gefilde: Skriabins Valse As-Dur op. 38, an Chopin erinnernd und zum Schluss die Cinq préludes fragiles op.1 von Lourié: Zart („fragile“!), introvertiert, fast wie hingehaucht (von p bis pppp!) und magisch-träumerisch, wieder impressionistisch geprägt (Debussy) – nach Rautavaara und Prokofjew ein „Zur-Ruhe-Kommen“.
Um zum Anfang dieses Beitrags zurückzukommen, Malofeev beschließt sein Konzert mit vier Zugaben, die vom enthusiastischen Publikum regelrecht „eingefordert“ wurden: Rachmaninows berühmtes Prélude cis-Moll, Händels Menuett g-Moll HWV 434/4, Prokofjews in Konzerten immer wieder erfolgreich aufgeführte Toccata op.11 und schließlich Glinkas Mazurka (Ein Leben für den Zaren). Alles virtuos und künstlerisch überzeugend dargeboten!
1 Wolfgang Dömling: Strawinsky, Reinbek bei Hamburg, 10.Auflage 2014, S.16.
2 Begleitheft zur Strawinsky-Edition 1882-1971 von Warner Classics, S.57. Auf Seite 56 auch ein von Erik Satie aufgenommenes Foto von Strawinsky und Debussy.
3 Guido Fischer im Programmbeiheft
4 Christoph Rueger, ed.: Harenberg Klaviermusikführer, Dortmund 1998, S.625.
5 Ebd., S.624 f. (Letzteres Prokofjews „Hauptprinzipien“)
Mahler Chamber Orchestra
Der leider bereits 2014 verstorbene weltweit anerkannte Dirigent Claudio Abbado hat 1997 das Mahler Chamber Orchestra gegründet. Abbado war u.a. ständiger Gastdirigent der Wiener Philharmoniker, Chefdirigent der Mailänder Scala und des London Symphony Orchestra, der Wiener Staatsoper und der Berliner Philharmoniker. Im Laufe seines Lebens erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, darunter das Großkreuz des Verdienstordens der Italienischen Republik, das Große Verdienstkreuz mit Stern des Bundesverdienstkreuzes (Bundesrepublik Deutschland), die Mozart-Medaille oder auch den Ehrenring der Stadt Wien.1
Sein besonderer Bezug zum Komponisten Gustav Mahler – „Mahler begleitet mich mein ganzes Leben. Seine Musik enthält alles.“2 – dokumentiert sich beispielsweise in seiner mehrfachen Aufnahme aller Mahler-Sinfonien und nicht zuletzt in der oben erwähnten Gründung des Mahler Chamber Orchestra. Darüber hinaus, um einen weiteren Bezug herzustellen, äußert sich seine Liebe zur Kammermusik schon in der Tatsache, dass er in jungen Jahren mit verschiedenen Kammermusikensembles musiziert hat. Außerdem nahm er z.B. auch einen Lehrauftrag für Kammermusik in Parma an.
Nun zum Mahler Chamber Orchestra (MCO) selbst. Es hat sich, und das ist nur zu unterstreichen, als „eines der weltweit besten Kammerorchester international“3 einen Namen gemacht. Es arbeitet mit unterschiedlichen (anerkannten) Dirigenten und Solisten/Solistinnen zusammen, und das sogar wiederholt auch ohne Dirigent(in)! Ab 2026 übernimmt es „die Nachfolge der Berliner Philharmoniker als Opernorchester der Osterfestspiele Baden-Baden“ – wie ich meine, eine ganz besondere Auszeichnung des Orchesters. Außerdem hat das MCO die künstlerische Leitung der Musikwoche Hitzacker seit 2024 übernommen, ebenfalls eine bemerkenswerte Tatsache.4 In seiner Besetzung und internationalen Ausrichtung ist das Orchester weltweit unterwegs – von europäischen Veranstaltern bis zur Carnegie Hall in New York oder mit Konzerten in Asien und Südamerika. Es kann darüber hinaus mit ausgezeichneten, z.T. preisgekrönten Einspielungen aufwarten.5
Zum Schluss noch eine erwähnenswerte, familienfreundliche Besonderheit des MCO: Eltern werden Babypausen ermöglicht, was einen erleichterten Wiedereinstieg ins Orchester bedeutet!6
Ich selbst kam am 10.07.2025 im Kurhaus Wiesbaden in den Genuss, das Mahler Chamber Orchestra als eindrucksvollen „Begleiter“ zweier Klavierkonzerte, Chopins op.21 und Tschaikowskys op.23, bei Beethovens „Coriolan“-Ouvertüre und Strawinskys „Dumbarton-Oaks“-Konzert erleben zu können. Es war schon bemerkenswert, wie professionell und abgestimmt ein Orchester mit dem unvorhersehbaren „Notfall“ fertig wird, sich sehr kurzfristig auf zwei vorher nicht im Programm vorgesehene Pianisten, Jan Lisiecki und Anna Vinnitskaya statt der erkrankten Yuja Wang, einzustellen.
1 https://de.wikipedia.org/wiki/Claudio_Abbado
2 KI: Quelle u.a. Interview in Claudio Abbado – Gespräche (Schott)
3 Programm Rheingau Musik Festival (10.07.2025), S.8.
4 Ebd., S.8.
5 https://de.wikipedia.org/wiki/Mahler_Chamber_Orchestra
6 Corina Kolbe in: https://dasorchester.de/artikel/mit-kindern-auf-tournee/
Das Orchester ‚Divertimento‘ unter der Leitung von Jürgen Scholz
Jürgen Scholz mit ‚Divertimento‘ in Lagerlechfeld (15.3.2026)
Um es gleich einmal vorwegzunehmen – das Orchester ‚Divertimento‘ unter der Leitung von Jürgen Scholz, das ein Programm mit Werken des Barock, der Klassik und nicht zuletzt auch der Romantik am 15. März 2026 zum 60jährigen Bestehen der Versöhnungskirche Lagerlechfeld zur Aufführung brachte, war ein musikalisches Erlebnis. Wenn man bedenkt, dass das Orchester in kleinerer Besetzung als üblich musizierte und sich zudem aus reinen ‚Amateuren‘ zusammensetzt, kann man das vermittelte abwechslungsreiche und klanglich sehr überzeugende Hörergebnis um so höher einschätzen.
Die Orchestervereinigung ‚Divertimento‘ hat seinen Ursprung im fast 20 Jahre aktiven ‚Projektorchester Schwabmünchen‘ und tritt regelmäßig im Landkreis Augsburg mit nicht nur ‚klassischen Stücken‘, sondern auch mit solchen modernerer Prägung auf (Film, Fernsehen,Theater). Das Repertoire ist also breit gefächert und findet, wortwörtlich, ‚Anklang‘ bei einem ebenso vielfältigen Publikum.
Einige Bemerkungen zum Orchester als solchem, anlässlich der oben erwähnten Aufführung.
Insgesamt entstand ein sehr homogener Klang, vor allem durch das ausgewogene, aufeinander abgestimmte Zusammenspiel der jeweiligen Instrumente, was sich in der Theorie leichter ‚anhört‘, aber, vor allem auch durch den einfühlsamen und führenden Einsatz des Dirigenten, der einen sehr guten ‚Draht‘ zu seinen Musikern zu haben schien, zustande kam. Sehr positiv war dabei, dass die jeweiligen Blasinstrumente nie den Streicherklang ‚übertönten‘, sondern sich harmonisch in das Gesamtbild einfügten. Erste, zweite Geigen, Celli und Bass waren in einheitlicher Artikulation und Phrasierung zu hören, wobei sich in manchen Stücken sehr organisch auch Cembalo-Klänge einfügten. Wirklich beeindruckend der Pizzicato-Einsatz der Streicher, gut kontrastiert bzw. untermalt von den übrigen Instrumenten, und das rhythmisch über längere Takt’strecken‘ sehr überzeugend (vgl. Hofstetters Serenade für Streicher!). Einzelne Musiker/innen sollen hier nicht Erwähnung finden, da alle zum Gelingen der Aufführung beigetragen haben, aber die wiederholten Trompeteneinsätze, klar und sauber vorgetragen, sollten dennoch besonders hervorgehoben werden.
Außerdem: Angemessene Tempi (Dynamik), rhythmische Genauigkeit, Berücksichtigung der Stilistik und des Charakters der unterschiedlichen Stücke (z.B. Barock versus Romantik, Händel versus Humperdinck) wurden, so mein Eindruck, auch ohne dass ich die Werke in der Partitur mitverfolgen konnte, alle beachtet und trugen damit zu einem harmonischen künstlerisch-musikalischen Gesamteindruck bei !
Last but not least noch eine besondere Würdigung des Dirigenten Jürgen Scholz.
Er führte seine Musiker kompetent und reibungslos durch das abwechslungsreiche, sorgfältig zusammengestellte Programm. Ich hatte den Eindruck, dass – ohne große ‚Verrenkungen‘, die bei manchen Dirigenten zu sehen sind – eine sehr gute musikalische Kommunikation zwischen musikalischem Leiter und Musikern zu spüren war. Was vielleicht manchem Hörer nicht bewusst ist, die Leistung eines Dirigenten besteht in weit mehr als nur einer bloßen Takt- und Einsatzvorgabe, wobei auch das erst einmal bewerkstelligt werden muss… Dass ein gemeinsamer, homogener Klang am Ende herauskommt, das erfordert darüber hinaus intensive Pobenarbeit und einen einfühlsamen Umgang mit den Orchestermitgliedern.
Noch ein Tipp zum Schluss: Das nächste Konzert mit Jürgen Scholz und ‚Divertimento‘ findet am 25. April in der Stadthalle Schwabmünchen statt, wo Mozart auf Morricone trifft: „Mozart meets Morricone“ – sicher ein interessantes ‚Aufeinandertreffen‘!
Der langjährige Dirigent von ‚Divertimento‘ hat sich noch freundlicherweise zu einem Interview bereit erklärt.
• Kannst du zunächst einige Daten zu deiner musikalisch-künstlerischen Laufbahn mitteilen?
Studium der Musikwissenschaft an der Ludwig Mayimilian Universität München und Schulmusik an der Münchner Musikhochschule. Mitwirkung in mehreren Orchestern. Von 1985 – 2015 Schulmusiker am Leonhard-Wagner-Gymnasium in Schwabmünchen. Leitung eines mehrfach ausgezeichneten Schulorchesters und -chores.
• Unter welchen ‚Umständen‘ bist du Orchesterleiter von ‚Divertimento‘ geworden?
Während meiner Zeit als Schulmusiker habe ich 2005 neben dem Schulorchester ein Projektorchester aus Lehrern, Eltern und Schülern gegründet, das einmal im Jahr ein Konzert mit sinfonischer Musik veranstaltet hat. Daraus hat sich nach meiner Pensionierung das Orchester „Divertimento“ gebildet, das nun außerhalb des schulischen Rahmens regelmäßig auftritt.
• Welche Schwierigkeiten ergeben sich im Umgang mit einem Orchester, das mit individuellen Musikerinnen/Musikern besetzt ist?
Als Schwierigkeiten würde ich es nicht bezeichnen, aber es geht natürlich darum, den musikalischen und persönlichen Hintergrund der einzelnen Musiker zu kennen, ihre Vorlieben, Kenntnisse, aber auch musikalischen Fähigkeiten am Instrument. Im Gegensatz zu musikalischen Profis, wo man einen musikalischen Mindeststandard auf recht hohem Niveau erwarten kann, sind hier bei einem Laienorchester doch ganz unterschiedliche Voraussetzungen gegeben. Hier im Lauf der Zeit eine gemeinsame musikalische Basis zu entwickeln, ist eine der Herausforderungen, der sich ein Orchesterleiter stellen muss.
• Gibt es Besonderes zu beachten, wenn man mit nicht-professionellen Orchestermitgliedern Stücke erarbeitet?
In einem Laienorchester sind Musiker mit ganz unterschiedlichem musikalischem Hintergrund und unterschiedlichem technischen Können vereinigt. Hier muss zunächst daran gearbeitet werden, eine gemeinsame musikalische Basis zu finden. Wichtig ist, dass das reine Abspielen von Noten bei den Musikern überwunden wird und sie in die Lage versetzt werden, die Konzeption der Komposition zu erfassen. Denn nur das Verständnis des Gehaltes eines Werkes führt dazu, dass eine gemeinsame Interpretation entsteht. Es geht nicht nur darum, die Noten abzuspielen, sondern sie zu gestalten, in Beziehung zu setzen zu dem, was in anderen Instrumenten erklingt. Dazu muss während des Spielens der eigenen Stimme immer darauf geachtet werden, was wie in anderen Instrumenten erklingt. Dies ist nur möglich in (vielen) intensiven Proben und den Erläuterungen des Dirigenten zum Aufbau und Gehalt der Komposition.
• Welche Rolle spielt dabei ein sogenannter ‚Führungsstil‘?
Der Führungsstil des Dirigenten spielt bei einem Laienorchester natürlich eine wichtige Rolle, denn anders als bei einem Berufsorchester kommen die Musiker ja nur dann zu Proben und Konzerten, wenn sie Freude und Spaß haben. Hier ist es m.E. wichtig, dass der Dirigent natürlich eine gewisse Autorität und Kompetenz in den musikalischen Bereichen hat und ausstrahlt, aber nicht „auf dem hohen Ross“ sitzt. Wenn man in der Lage ist, die Probenarbeit für die Musiker interessant und locker zu gestalten und ihnen zeigt, wie sie sich sinnvoll zu einem Klangkörper einbringen können, dann ist die Motivation, auch eigene Schwierigkeiten zu überwinden, recht groß und führt zu erfolgreichen Konzerten.
• Ist es schwierig, Musiker/Musikerinnen für (häufige) Orchesterproben zu motivieren?
Wie schon gesagt, wenn das Umfeld und die persönliche Sympathie zwischen den Beteiligten stimmen, dann ist es eigentlich kein Problem, die Musiker für die Proben zu motivieren. Hauptproblem ist eigentlich ein anderes. Während der Dirigent eines Berufsorchesters mit einer geforderten Besetzung arbeiten kann (Dienstplan), ist das bei einem Liebhaberorchester fast nie der Fall. Denn hier hängt es von vielen, oft nicht beeinflussbaren Faktoren ab, wer in die Proben kommen kann. Schließlich kommen die Musiker ja aus ganz unterschiedlichen Bereichen. Mal hat jemand Urlaub, ist krank, muss zu einer privaten Familienfeier, hat eine Änderung im beruflichen Dienstplan, ist auf Dienstreise im In- oder Ausland, hat ein defektes Instrument zum Instrumentenbauer gebracht und vieles mehr. Das bedeutet, dass praktisch in keiner Probe die komplette Besetzung anwesend ist, und das wäre eigentlich unbedingt notwendig, um die erwähnten Ziele der klanglichen Abstimmung und des aufeinander Hörens in kurzer Zeit zu erreichen.
• Wie bereitest du dich selbst auf eine neue Partitur vor?
Wenn es sich um ein traditionelles „klassisches“ Stück handelt, dann ist die Vorbereitung dieselbe wie bei jedem anderen Dirigenten: Man studiert die Partitur, versucht einen geistigen Zugang zu den Intentionen des Komponisten zu bekommen, sucht nach Hintergrundinformationen, liest Bücher zu Komponist und Werk, hört sich unterschiedliche Aufnahmen des Stückes an und überlegt, wie die eigenen Vorstellungen an die Musiker weitergegeben werden können. Da „Divertimento“ neben dem klassischen Repertoire auch häufig Musical und Filmmusik spielt, kommt hier noch eine weitere Herausforderung an den Leiter. Da (eventuell) verfügbares Notenmaterial dieser Stücke meist nicht mit der Besetzung des Orchesters übereinstimmt, müssen hier eigene Arrangements geschrieben werden, die der vorhandenen Besetzung angepasst sind. Das erfordert natürlich dann eine wochen- und monatelange Vorbereitungszeit am Schreibtisch.
• Ist es ein Problem, eigene künstlerische, interpretatorische Vorstellungen zu vermitteln bzw. schlüssig umzusetzen? Wie sehr spielt dabei ‚Texttreue‘ im Vergleich zu künstlerischer Freiheit eine Rolle?
Zweiteilige Frage:
a) Grundsätzlich nein. Aber das hängt natürlich auch vom Werk ab, das nicht allzu weit von der Erfahrungswelt der Musiker entfernt sein sollte. Bei moderner, aber auch Musik aus der vorbarocken Zeit, kann es eventuell schwierig werden.
b) Texttreue: Grundsätzlich wichtig, denn die Intentionen des Komponisten müssen der Ausgangspunkt sein. Aber viele Komponisten, speziell der Barockzeit, haben ihre Kompositionen auch immer nach den Gegebenheiten und Bedürfnissen verändert. Die Bewegung der „Originalklangmusik“ hat sich in den letzten Jahrzehnten in unserer Gesellschaft stark abgeschwächt. Vielfach werden auch von bedeutenden Interpreten neue Bearbeitungen von traditionellen Kompositionen veröffentlicht, Einzelstücke von Komponisten zu neuen Werken zusammengestellt (z.B. die neuen „Brandenburgischen Konzerte“). Es hat sich also momentan ein freierer Umgang mit überlieferten Kompositionen entwickelt. Auf Basis der Werktreue müssen wir allerdings aufgrund der nicht optimalen Besetzung des Orchesters gelegentlich Veränderungen vornehmen, um möglichst alle Musiker zu beteiligen. So übernehmen gelegentlich in der Barockmusik die damals noch ungebräuchlichen Klarinetten den Part anderer, heute nicht vorhandener Instrumente (z.B. Clarinen) oder in der klassischen Musik den Ersatz von Hornstimmen. Auch spielen wir einige Stücke in Bearbeitungen in reduzierter Besetzung, aber immer im Bestreben, uns möglichst dem Original weitgehend anzunähern.
• Wie erfolgt die Auswahl der Stücke für ein Konzert? Haben die Orchestermitglieder dabei ein Mitspracherecht?
Grundsätzlich können die Orchestermitglieder natürlich ihre Wünsche einbringen und wir schauen, ob eine Realisierung möglich ist. Meistens ist es aber der Dirigent, der Vorschläge macht (z.B. Jubiläumsjahr eines Komponisten) und der den Überblick hat, was aus dem umfangreichen Œuvre für unser Ensemble auch spielbar ist. Und hier müssen sowohl die technischen Anforderungen an die Instrumentalisten, als auch die Besetzung und die Möglichkeit einer öffentlichen Konzertaufführung miteinander abgewogen werden.
• Wie könnte man deiner Ansicht nach mehr jüngere Zuhörer/Zuhörerinnen für die klassische Musik begeistern?
Das ist ein großes Problem heutzutage. Denn klassische Musik wird von den meisten Jugendlichen als „veraltet“ angesehen. Aber viele jüngere Interpreten schaffen es hier durchaus, diese Barriere zumindest etwas zu überwinden, indem sie die Rituale, die oft mit klassischer Musik verbinden sind, abbauen. Und das scheint mir auch momentan der einzige Weg, hier ein neues Publikum heranzuziehen. Auch wir versuchen – wenn auch leider nur mit begrenztem Erfolg – hier Einfluss zu nehmen. So werden wir z.B. in unserem nächsten Konzert (Titel: Mozart meets Morricone) die Musik von Mozart – die ja schon oftmals als tragendes Element in Filmen verwendet wurde – mit bekannter Filmmusik zu verbinden.
• Was möchtest du noch gerne Musikliebhabern/Musikliebhaberinnen mit auf den Weg geben?
Ganz banal ausgedrückt: Wenn bei uns nicht irgendwann jemand angefangen hätte, Pizza zu probieren, Hamburger oder Sushi zu essen, wären diese Gerichte heute nicht so beliebt und verbreitet. In der Musik ist es auch nicht anders; nur wenn man bereit ist, auch etwas „Fremdes“ zu probieren, kann man neue Erlebnisse bekommen und sich damit vertraut machen. Man muss sich nur überwinden, diesen ersten Schritt zu tun.