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01 Interview mit Lucio Mosè Benaglia, Pianist, Komponist und Musikmanager

Ich habe den Pianisten, Komponisten und Künstlervertreter Lucio Mosè Benaglia im Konzertsaal des Herrenhauses Bannacker 2025 in Bergheim kennengelernt, wo er ein Konzert des hervorragenden italienischen Klavierduos Trivella aus Bergamo moderiert hat. Dabei kamen u.a. auch eindrucksvolle Kompositionen von Benaglia zu Gehör.

1.Welche biografischen Fakten haben Sie dazu bewogen, eine musikalische Laufbahn einzuschlagen?

Meine erste Begegnung mit Musik fand in der Nähe dieses besonderen Gebäudes statt, das es in jedem unserer Dörfer gibt: der Kirche. Zunächst von außen, durch den Klang der Glocken: Mein Großvater nahm mich oft mit ins Dorfzentrum, unter den Glockenturm, und wie es auch heute noch in Italien üblich ist, läuteten die Glocken oft, um die verschiedenen Momente des Tages und die verschiedenen Ereignisse zu unterstreichen: Geburten, Todesfälle, liturgische Feiern, besondere Uhrzeiten. Ich war immer begeistert, diese Klänge anzuhören.

Später, im Alter von sechs Jahren, zu Beginn meiner Karriere als Ministrant, war es der Klang der Orgel, der meine Aufmerksamkeit ständig auf sich zog. Dies sind sicherlich die Gründe, warum der größte Teil meines musikalischen Schaffens der sakralen und liturgischen Musik gewidmet ist.

2.Welche Rolle spielt dabei das Klavier für Ihre Kompositionen?

Meine musikalische Produktion widmet sich, wie bereits erwähnt, nicht in erster Linie dem Klavier, aber dieses Instrument ist in meiner musikalischen Biografie wichtig, da es das Instrument ist, das ich studiert habe und in dem ich mein Diplom am Konservatorium von Bergamo erworben habe. Aber auch mein erster Zyklus kleiner Kompositionen ist dem Klavier gewidmet. Da ich kein absolutes Gehör habe und beim Komponieren auf ein Instrument angewiesen bin, ist das Klavier mein täglicher Arbeitsplatz, an dem alle meine Kompositionen entstehen, so wie es der Arbeitstisch eines Tischlers oder die Töpferscheibe eines Töpfers sein kann.

3.Wie steht es mit der künstlerischen Inspiration? Wie sind Sie überhaupt zum Komponieren gekommen?

Ich habe fast zufällig angefangen, Musik zu schreiben, während ich Klavier studierte. Dann ergaben sich nach und nach mehr oder weniger häufig Gelegenheiten, die mich zum Komponieren inspirierten. Zu meiner Hochzeit schrieb ich als Geschenk für meine Frau mein erstes Stück für Streichquartett. Dann schrieb ich für meinen italienischen Chor, den ich verlassen hatte, um nach Deutschland zu ziehen, ein kleines Ave Maria. Als ich nach München kam und anfing, in einem Chor zu singen, begann ich, Musik zu schreiben, die dem Dirigenten und dem Chor sofort gefiel und die in den Gottesdiensten der Pfarrei aufgeführt wurde. Dann kamen die ersten Stücke für Orgel, Chor und Orchester, bis hin zu großen Kompositionen für Sinfonieorchester.

4.Welche Grundlagen sind für ein erfolgreiches Komponieren unbedingt erforderlich?

Ein gutes Gespür für musikalische Phrasen, Melodieführungen und harmonische und kontrapunktische Strukturen. All dies gepaart mit einem guten Sinn für Proportionen und einer guten Sensibilität für die Kombination verschiedener Klangfarben. Und dann, für diejenigen wie mich, die sich oft damit beschäftigen, Texte zu vertonen, ein gutes Gespür für Dramaturgie, um Worte und Musik bestmöglich miteinander zu verbinden. 

All dies ist möglich, wenn man über gute Kenntnisse der Musik verfügt, die vor uns entstanden ist, denn die Musikgeschichte ist ein ständiger Wandel zwischen Tradition und der Suche nach Neuem, zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen bereits beschrittenen Pfaden und neuen, die noch beschritten werden müssen. 

5.Benutzen Sie Skizzenbücher, um Ihre Ideen aufzuzeichnen?

Früher ja. Aber heute ist es praktischer, musikalische Ideen in das Mikrofon meines Handys zu singen. Ich glaube, dass auch die großen Komponisten vor uns dieses Instrument genutzt hätten, wenn sie es zur Verfügung gehabt hätten. So kann man eine Art Bibliothek musikalischer Ideen anlegen, die bei Bedarf wieder angehört und für eine bestimmte Arbeit verwendet werden können.

6.Wie würden Sie den Stil Ihrer Kompositionen charakterisieren?

Mein Kompositionsstil ist stark mit der tonalen Tradition verbunden, die meiner künstlerischen Sensibilität derzeit am nächsten steht. Ich glaube jedoch nicht, dass er einem bestimmten Stil oder einer bestimmten Kompositionsrichtung zugeordnet werden kann.

7.Sie komponieren ja auch für Klavier vierhändig. Was muss man bei der Komposition von solchen Stücken im Gegensatz zu Solowerken besonders berücksichtigen?

Hier geht es hauptsächlich um praktische Aspekte und Ausführungstechniken, die berücksichtigt werden müssen, wie beispielsweise zu vermeiden, dass sich die Finger der beiden Pianisten, wenn sie zu nah beieinander spielen, gegenseitig stören, oder, da auch das Auge des Publikums seinen Teil dazu beitragen will, die Pianisten ein Stück so spielen zu lassen, dass sich ihre Hände kreuzen, auch ohne dass es dafür einen Grund gibt, sondern nur wegen des szenischen Reizes, interessante Hand- und Armbewegungen auf der Tastatur zu sehen.

Wenn es dann darum geht, Musik, die von Anfang an für Orchester konzipiert wurde, für vierhändiges Klavier zu arrangieren, kommen weitere praktische Aspekte ins Spiel, wie die Wahl der Tastaturregister, die am besten geeignet sind, den Klang bestimmter Instrumente im Orchester wiederzugeben, oder die Verwendung von Effekten wie Tremolo, Arpeggios und wiederholten Noten, die wirklich an eine bestimmte Art von Orchesterklang, erinnern.

8.Gibt es Anregungen von (klassischen) Komponisten für Ihre Werke?

Ich komme aus Bergamo, der Stadt des großen Opernkomponisten Donizetti, und lebe in Deutschland, der Heimat der meisterhaften Polyphonie, die in Bach ihren größten Vertreter gefunden hat. Ich würde sagen, dass ich mich ständig zwischen Belcanto und Kontrapunkt hin- und hergerissen fühle.

9.Sie vertreten verschiedene Künstler. Was ist dabei die größte Herausforderung für die gemeinsame Arbeit?

Wie in allen zwischenmenschlichen Beziehungen ist auch hier das gegenseitige Vertrauen das Wichtigste, ebenso wie die Freude daran, gemeinsam ein Ziel zu erreichen, beispielsweise ein schönes Programm zu gestalten, das schließlich zu einem vom Publikum geschätzten und gelobten Konzert führt.

10.Wie sind die von Ihnen veröffentlichten zahlreichen Kompositionen am besten zu beziehen?

Ich bin (noch) kein bekannter und oft gespielter Komponist, der die Möglichkeit hat, von mehr oder weniger bekannten Verlagen zur Veröffentlichung angefragt zu werden. Meine Kompositionen werden von mir selbst herausgegeben und einige davon können in Online-Musikgeschäften erworben werden.

Viele Werke sind jedoch noch nicht veröffentlicht worden. Wenn jemand Interesse daran hat, die Noten zu erwerben, um sie aufzuführen, kann er sich über meine Homepage www.luciomosebenaglia.com mit mir in Verbindung setzen.

11.Welche persönlichen Worte möchten Sie noch allen Musikliebhabern mit auf den Weg geben?

Die Schönheit der Musik liegt gerade darin, dass sie keine statische, sondern eine dynamische Kunst ist, immer in Bewegung, immer im Wandel. Deshalb wird es uns nie langweilig, die Musik der großen Komponisten zu hören, die von verschiedenen Interpreten aufgeführt wird. Aber gewöhnen wir uns auch daran, uns die Mühe zu machen, neue Musik zu hören, die von Menschen geschrieben wurde, die wie wir jetzt, in dieser Welt, und in dieser Zeit, versuchen, zu uns zu sprechen und uns durch ihre Musik lebendiger zu machen.

02 Interview mit Nataliya Frenzel, staatlich geprüfte Klavierlehrerin, Musikpädagogin und Komponistin

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Natalia Frenzel ist in der ukrainischen Stadt Kropywnyzkyj (Kirowograd) geboren, wo sie eine musikalische Ausbildung (musikalische Fachschule und Lehramtsstudium Hauptfach Musik) gemacht und ihr Diplom als Klavierlehrerin bekommen hat. Sie hat auch an der dortigen Musikschule gearbeitet, die den Namen des bedeutenden russischen Pianisten und  Musikpädagogen Heinrich Neuhaus trägt.

1999 kam sie nach Deutschland. An der Universität Augsburg studierte sie unter anderem Musikpädagogik, Psychologie und Deutsche Philologie und schloss ihre Ausbildung 2007 ab. Seitdem arbeitet sie als Klavierpädagogin in Augsburg.

Sie haben ja schon zahlreiche Notenbücher mit Ihren Klavierkompositionen herausgegeben. Wie sind Sie überhaupt zum Komponieren gekommen? 

Ich bin nicht sofort zum Komponieren gekommen, das hat schon einige Jahre gedauert, bis ich überhaupt auf die Idee gekommen bin. Es hat mit Improvisieren alles angefangen. Allgemein bekannt ist es, dass die klassischen Musiker – ich wurde auch als klassische Klavierlehrerin ausgebildet – tatsächlich Schwierigkeiten mit Improvisieren haben. Sie sind geschult, nach den Noten zu spielen, da hat man es schwer, aber dann durch einige praktische Erfahrungen – ich habe z.B. in der Salsa-Band gespielt – da wurde ich auch gefordert im Improvisieren.

Dann habe ich ein Theaterstück (Laientheater) begleitet, wo ich zum Improvisieren aufgefordert wurde. Dann habe ich mir Gedanken gemacht, wie mache ich das? Und ich habe es einfach versucht, einfach losgespielt, und ich war zufrieden mit dem Ergebnis, und dann habe ich gedacht, das möchte ich jetzt festhalten und habe  angefangen, das aufzuschreiben.

Welche Grundlagen sind dafür z.B. hinsichtlich Harmonielehre erforderlich?

Ich habe bei meinen Studien Harmonielehre gemacht, und das hat mir natürlich sehr viel geholfen. Da muss man schon wissen, wie die Akkorde aufgebaut werden und aufgrund dieser Harmoniegrundlage kann man etwas dazu spielen. Aber öfter passiert es umgekehrt, manchmal kommt mir eine Melodie in den Kopf als Idee und dann versuche ich, Akkorde dazu zu bilden.

Wie steht es mit der künstlerischen Inspiration?

Ich wohne am Waldrand und gehe oft dort spazieren und wandere gerne in den Bergen. Das befreit meinen Kopf und inspiriert mich zu neuen musikalischen Ideen. Auch Reisen in andere Städte (z.B. Wien) erweitern meinen Horizont.

Über welchen Zeitraum zieht sich eine solche Komposition hin? 

Das ist unterschiedlich. Die Melodie kommt sehr schnell, ich kann auch innerhalb von zehn Minuten eine einfache Melodie aufschreiben, aber diese Melodie dann zu bearbeiten und zu einem Stück zu machen, dazu braucht man schon sozusagen Handwerk, und das kann länger dauern. Das kann ein paar Stunden dauern, ein paar Tage dauern, manchmal bearbeite ich das Stück dann Monate später. Es kommt darauf an, ob das ein ganz einfaches Klavierstück für Kinder oder ein größeres Stück ist, dann braucht man dementsprechend längere Zeit, aber die Melodie kommt natürlich ganz schnell.

Arbeiten Sie immer am Klavier oder auch einfach so, dass man seine Ideen ohne Klavier aufs Notenpapier bringt?

Am besten mit Klavier, ich setze mich schon ans Klavier und spiele das ein und dann schreibe ich es auf.

Haben Sie auch Skizzenbücher, dass Sie, wenn Ihnen etwas einfällt, das gleich aufschreiben, Notizen machen?

Ja, und noch öfter, wenn ich wirklich keine Zeit habe, benutze ich ein Diktiergerät. Ich bewahre wegen der Skizzen meine alten Handys auf. Im Klavier habe ich auch ein „Memory“, mit dem ich musikalische Ideen aufnehme, und irgendwann komme ich dazu, sie zu bearbeiten, da braucht man viel Zeit dafür.

Gibt es einen bestimmten Stil, den Sie charakterisieren könnten?

Das kann man als „New Klassik“ bezeichnen oder romantische moderne Musik, manchmal geht das sogar in die Richtung Popmusik. Ich versuche damit, die Musik klavierspielenden Kindern zugänglich zu machen, die oft Bescheid wissen von der Popmusik und die denken, das ist toll, das ist gut, und so sozusagen eine Brücke zur klassischen Musik zu schlagen, das fällt manchmal schwer. Da muss man Kinder dort fangen, wo sie gerade stehen und ihnen etwas anbieten, was sie begeistern kann, damit sie einen Schritt weiter gehen und erkennen, da gibt es noch andere Horizonte.

Welchen Schwierigkeitsgrad setzen Sie für Ihre Stücke voraus?

Ich habe unterschiedliche Schwierigkeitsgrade, z.B. für Anfänger ganz leichte Klavierstücke. Es ist gerade ein zweites Buch in Wien erschienen, „Hauptsache Klavier“ (Heft 1 und Heft 2, Matzneller Verlag) mit Kinderstücken. Dabei wurde an Grundschulkinder gedacht. Beim Artist-ahead-Verlag  sind z.B. die „Kinderreime am Klavier“ (für 2 oder 4 Hände) erschienen. Bei anderen Büchern ist eher an Jugendliche und Erwachsene gedacht, für Wiedereinsteiger bis zum mittleren Schwierigkeitsgrad.

Was muss man bei der Komposition von vierhändigen Klavierstücken besonders berücksichtigen im Gegensatz zu Solostücken?

Das verlangt tatsächlich viel mehr Arbeit. Wenn zwei Spieler an einem Klavier spielen muss man berücksichtigen, dass sie sich nicht in die Quere kommen, aber das ist schon eine besondere Herausforderung und anspruchsvoller, aber andererseits interessant und bietet auch mehr Möglichkeiten. Einmal kann der Primopart die Melodie spielen, dann kann man unten die Melodie spielen, da sind schon mehr Ausdrucks-mittel dabei.

Haben Sie weitere Pläne für vierhändige Klaviermusik oder haben Sie künftig vor, neue Notenbücher herauszugeben?

Ich habe jetzt mittelschwere Klavierkompositionen für Jugendliche und Erwachsene, die noch nicht herausgegeben sind, das wird dann wahrscheinlich mein nächstes Buch.

Was möchten Sie noch musizierenden Amateuren wie ich einer bin mit auf den Weg geben?

Spielen, musizieren! Wer Fahrrad fahren will, muss Fahrrad fahren, wer musizieren will, muss musizieren! Wer komponieren will, muss komponieren, wer spielen will einfach üben und üben und weiter und dann merken Sie, wie Ihr Können sich weiter entwickelt, und das ist grenzenlos. Da kann man nie nach oben perfekt sein.         

Nützliche Links:

https://www.nataliya-frenzel.de/

https://www.nataliya-frenzel.de/galerie

https://www.artist-ahead.de/p/my-piano-pieces

https://www.amazon.de/stores/author/B0799MRRB6

https://www.verlag-purzelbaum.de/komponisten/nataliya-frenzel.html

https://www.stretta-music.de/author-nataliya-frenzel

https://www.youtube.com/@nataliyafrenzel2099

https://www.tastenkunst.at/verlag/ (Matzneller Musikverlag Wien)

https://www.tastenkunst.at/hauptsache-klavier/ (Heft 1, 2023/Heft 2, 2025)

Alla Gonchar ist als Musikpädagogin und Klavierpädagogin aktiv. Sie hat am Konservatorium Uman/Ukraine in Kiew ihr musikpädagogisches Studium mit einem pianistischen und pädagogischen Abschluss absolviert. Seit ihrer Umsiedlung nach Deutschland hat sie außerdem ein Studium der Musikpädagogik, Musikwissenschaft und Kunstgeschichte an der Universität Augsburg abgeschlossen und dort unterrichtet. Seitdem gibt sie ihre Erfahrungen im Klavierunterricht weiter und bereitet beispielsweise auch Schülerinnen und Schüler für Aufnahmeprüfungen zu einem Musikstudium vor.

Nützliche Links:

https://musikinstitut-allegro.de/

https://www.bechstein.com/centren/augsburg/service/klavierunterricht/

https://www.myheimat.de/neusaess/c-kultur/die-musikpaedagogin-alla-gonchar-oeffnet-ihre-tueren-fuer-jeden-der-interesse-an-einer-gruendlichen-klavierausbildung-hat_a3464621

https://consent.youtube.com/m?continue=https%3A%2F%2Fwww.youtube.com%2F%40essenzconversationwithalla8049%3Fcbrd%3D1&gl=DE&m=0&pc=yt&cm=2&hl=de&src=1

@alla_allegro

@allagoncharimprodance6652

Bearbeitetes Interview mit Alla Gonchar am 18. November 2025

Im Folgenden eine bearbeitete Fassung des zweiten Teils des Interviews zum Thema Musik und Ballett, das mich besonders interessiert hat.

Du hast dich auch intensiv mit klassischem und modernem Ballett auseinandergesetzt bzw. bist ja selbst als Tänzerin sehr aktiv, was man ja auch in vielen YouTube – Videos sehen kann. Wie kam es denn zum Thema Tanz?

Ganz einfach, der Tanz war eigentlich vor der Musik. Ballett war mit fünf, Musikschule erst mit sieben. Das waren die Entscheidungen von meinen Eltern, weil ich auffallend beweglich und musikalisch war. Eine Nachbarin, die Klavierlehrerin ist, hat meiner Mutter vorgeschlagen, ob ich nicht die Aufnahmeprüfungen in der Musikschule probieren sollte, weil ich andauernd gesungen und eben getanzt hab, und das sind, wie ich heute auch bestätige, die zwei wichtigsten Voraussetzungen für eine Klavierausbildung, dass das Kind vorher singt und tanzt. Ich habe im Februar Aufnahmeprüfungen gemacht, gleich nachdem ich gerade sieben Jahre alt wurde. Ich habe die Prüfungen gut bestanden, und so kam ich zu der hervorragenden Lehrerin in der Musikschule, Natalia Grischenko, Absolventin der Gnessin-Akademie, und so fing das an.  

Gibt es eine bestimmte Stilrichtung, die du bevorzugst?

Es wechselt genauso wie mit den Komponisten, phasenhaft. Zu Beginn tanzte ich klassisches Ballett, danach kamen moderne Tänze. Mit 13 hab ich zum Beispiel Michael Jacksons „Thriller“ mit der Gruppe getanzt und Rock ’n‘ Roll. Danach gab’s eine Pause wegen des Klavierstudiums, und als ich hier in Deutschland angefangen habe, weiter zu studieren, ich glaube nach dem 2. Semester, hab ich mich wieder bei einer Tanzschule eingeschrieben, und da ging es mit Standard-Latein weiter, Salsa, Cha-Cha-Cha und wie sie alle heißen. Danach gab’s argentinischen Tango, Salsa, Kizomba und ‚Contemporary Ballet‘, was ich am allermeisten liebe, und jetzt hab ich gerade Flamenco angefangen.

Welche Musik ist eigentlich überhaupt für Tanzmusik geeignet, also als Choreographie umsetzbar?

Absolut alles. Du bist natürlich mit deinem technischen Equipment wahrscheinlich etwas begrenzt. Aber darum geht’s auch nicht. Wir sind ja schließlich keine Profitänzer.

Du hast gerade von Denken jetzt gesprochen. Wie steht’s da um die Fantasie, die eigene Fantasie, die man da miteinbringt?

Das ist nämlich das Wichtigste. Kein Geringerer als Schubert sagte, das Wichtigste ist die Fantasie. Und wenn das schon Franz Schubert sagt…

Andere, so „banale“ Dinge wie Atemtechnik, allgemeine Fitness, Körperbeherrschung, was spielt denn das für eine Rolle dann beim Tanz?

Natürlich musst du üben, Wunder geschehen nicht. Ganz klar. Manchmal üb‘ ich mehr, manchmal weniger, und im Sommer, wenn es zu heiß ist, da hast du es einfach etwas schwerer als zum Beispiel am Flügel. Die Hitze macht ja nicht soviel aus, wenn du Klavier übst. Im Tanz kannst du dich dagegen nicht schützen. Das ist körperlich. Da ich den Vergleich habe, es ist viel viel intensiver.

Spielt da eigentlich auch die Ernährung eine Rolle?

Ja, natürlich musst du auf deine Ernährung achten, weil, kaum hast du, so wie ich zum Beispiel, ein paar Kilos zugenommen…, das ist einfach viel leichter, wenn du leicht bist. Du kannst deinen Körper besser, schneller drehen, du kannst einfach besser damit umgehen. Es ist nur ein Instrument, das du zur Verfügung hast, um sich plastisch auszudrücken. Und es ist einfach bequem, ein leichtes Gewicht zu haben.

Tanzt du eigentlich mehr nach einer festgelegten Choreographie oder eher spontan?

Ich höre mir ein Stück mehrmals durch, manches spiele ich selber. Wenn ich mir das Stück anhöre, dreht sich eine choreographische Geschichte im Kopf. Ein Musikwerk ist immer mit entweder einem Gemälde zu vergleichen oder mit einem Buch, oder mit einem Gefühlserlebnis. Das ist immer eine Geschichte, da sind immer Klanggebungen dabei, das ist immer ein Format. Die Kriterien für einen Tanz, Bild, Buch, Musikwerk, architektonisches Werk, sind immer dieselben, mit Kulmination, mit der Dynamik, mit den Farben, Plastik, Phrasierung und mit dem Inhalt natürlich.

In welchem Alter sollte man bei entsprechender Eignung überhaupt mit dem Ballettunterricht beginnen?

Je früher, desto besser. Fünf ist ein gutes Alter.

Und wie wird denn so eine Eignung dann überhaupt festgestellt? Es ist ja nicht jeder geeignet für’s Ballett.

In Russland nicht. In Deutschland schon. Und inzwischen, find ich, eine goldene Mitte ist gesund.

Das ist wie beim Klavierspiel oder Geigenspiel. Die Größe deines Apparates, deine Auswärtsdrehung und Auswärtsstellung sind maßgeblich. Die Frage ist, wie weit du kommen möchtest und für welche Ziele du dich entscheidest, und genauso ist es mit den Füßen im Tanz. Ob du Rechtsbeiner bist oder Linksbeiner, das ist genau so, als ob du mit der rechten Hand schreibst oder mit der linken. Genauso ist es mit den Füßen. Ich bin zum Beispiel Linksbeiner.

Das ist interessant. Pianisten können ja beliebig lang vom Alter her spielen, mit über 90 auch noch. Bis zu welchem Alter kann man, ohne dass man die Gesundheit ruiniert oder gefährdet, klassisches Ballett tanzen?

Das kommt d’rauf an. Profis gehen so mit plus minus 40 Jahren schon in Rente, weil die meisten von ihnen leidenschaftlich unterrichten und ihr Können weitergeben. Das ist natürlich immer sehr individuell wie dein Körper mithält. Es gibt natürlich Menschen wie Plisetskaya, Alonso, sehr viele, die das bis in’s hohe Alter gekonnt hatten.

Demis Volpi – der Nachfolger von John Neumeier in Hamburg – hat einmal geäußert: „Ich möchte, dass das Publikum im Theater träumen und fühlen kann. Dass es versteht, was passiert.“

Braucht der durchschnittliche weibliche bzw. männliche Zuschauer oder Zuhörer bestimmte Vorkenntnisse, um eine Ballettaufführung genießen zu können?

Ja. Speziell John Neumeier, ohne zu wissen, dass du auf ihn zu sprechen kommst, der übrigens erst nach seinem 80. Geburtstag aufgehört hat zu unterrichten, wollte ich unbedingt erwähnen, weil das wie John Cranko und Irgi Kilian (Mozart ist seine Spezialität) für mich einige der größten Choreographen im Tanz sind. Das bewundere ich. Wie kann man, zum Beispiel wie Neumeier, so intellektuell hervorragend Beethovens und vor allem Mahlers Sinfonien choreographieren.

Was möchtest du noch zum Schluss Musik- bzw. Tanzliebhaberinnen und – Liebhabern mit auf den Weg geben?

Zu tanzen und Musik zu „sehen“. Ballette zu hören. Also ich sag immer, Ballette hören. Ganz einfach. Instrumentalspiel und Tanz sind siamesische Zwillinge, denn beide befinden sich in delikater Bewegung.

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