Museen und Ausstellungen

01. Lettl Museum Augsburg

02. Ausstellung Gothic Modern – Albertina Wien

03. Ausstellung Lisette Model Retrospektive – Albertina Wien

04. Brigitte Humpelstetter, Kopistin im Kunsthistorischen Museum Wien

05. „Seht wie würdevoll!“ – Spanische Meistergrafik von Goya und Dalí im Schaezlerpalais Augsburg

06. Miguel Chevalier – Wegbereiter der digitalen Kunst in der Kunsthalle München

07. Marta Zaniewska-Bibileishvili – „between the lines“

01. Das Neue Lettl Museum mit der Sammlung für Surreale Kunst in Augsburg

1 Wolfgang Lettl: Selbstporträt mit unsympathischen Zeitgenossen   2004

2 Florian Lettl: Manfredonia, la dea del mare   2005

2019 wurde das Neue Lettl Museum mit der Sammlung für Surreale Kunst von Wolfgang Lettl eröffnet. Es befindet sich nicht weit vom Königsplatz in Augsburg und ist für Kunstliebhaber immer einen Besuch wert. Die ausgestellten Werke bieten überraschende Einblicke und regen zum Nachdenken und zum Schweifenlassen der Gedanken an. „Realität“ und Imagination prallen aufeinander.

Die Ausführung der Bilder ist mit viel Liebe zum Detail gemacht – der Betrachter kann sich geradezu in eine eigene, anregende Welt verlieren, die seinesgleichen sucht und nicht einfach unter den Begriff „Surrealismus“ subsumiert werden kann.

Wolfgang Lettl sagt dazu selbst (zu finden unter Der heitere Surrealismus Sonderausstellung im LETTL-Museum 1.12.2024– 16.11.2025 https://museum.lettl.de/ ):

„Surrealismus ist längst passe´.“ Wer das sagt, meint wohl die „klassischen“ Surrealisten, die inzwischen schon alle gestorben sind, oder er hält Surrealismus für eine kurzlebige Mode, wie viele andere auch. Er ist tatsächlich mehrmals Mode geworden, aus oberflächlicher Begeisterung geboren und bald zu öder Langweiligkeit erstarrt. Aber so wie ich ihn verstehe, ist er eine Grundhaltung, die in der Kunstgeschichte immer wieder mächtig durchbrechen und sich erneuern kann. Ob sich das dann jeweils „Surrealismus“ nennt, ist belanglos.“

Wolfgang Lettl wurde 1919 in Augsburg geboren, wo er auch 2008 starb. Er hat über 500 Bilder hinterlassen.

1992 wurde der Wolfgang Lettl-Verein zur Förderung surrealer Kunst e.V. gegründet.

Sehr empfehlenswert ist der folgende sehr informative Link   https://www.lettl.de, über den man einen hervorragenden Überblick über das Stichwort „Galerie“ oder „Archiv“ in das malerische Werk von Wolfgang Lettl erhält. Es ist trotzdem noch eine erhebliche Steigerung des Kunstgenusses, im Museum „live“ und direkt vor den entsprechenden Kunstwerken zu stehen und teilweise über einen Audio-Guide interessante Zusatzinformationen – Audiodateien, Videodateien und Texte (Texte von Wolfgang Lettl) „schwarz auf weiß“ – zu bekommen.

Unter der Rubrik „Aktuelles“ findet man übrigens Informationen zu Ausstellungen etc.

Über Wolfgang Lettl findet der Kunstliebhaber jede Menge von Beiträgen und Würdigungen, so dass ich es interessant finde, dem Sohn des Künstlers, Florian Lettl, 1957 in Augsburg geboren, einige Fragen zu stellen, da auch er praktizierender Künstler ist.

War es eine „Herausforderung“ für Sie, angesichts der Bekanntheit und des Erfolgs Ihres Vaters selbst künstlerisch aktiv zu werden?

Ich habe über 30 Jahre zusammen mit meinem Vater künstlerisch gearbeitet, er fragte mich einmal, warum ich nicht auch auf den Bildern mitunterschreiben würde. Meine Antwort war: “ einmal Lettl reiche mir“, als er starb habe ich einfach mit dem weitergemacht, was mir Spaß macht.

Liegt der Schwerpunkt Ihrer künstlerischen Aktivitäten auf dem Gebiet der Skulptur und wenn ja, wie sind Sie zur Bildhauerei gekommen?

Schon in früheren Jahren war ich neben meinem Beruf immer wieder künstlerisch tätig. So entstanden in den 80er Jahren gemeinsam mit meinem Vater ca. 70 Aquatinta Radierungen und ab 1997 diverse Filme. In den letzten Jahren sind vermehrt Skulpturen entstanden.

Ich war schon immer der von uns beiden, der dreidimensional gearbeitet hat. So erinnere ich mich, dass ich bereits als Jugendlicher die leeren Farbtuben meines Vaters gesammelt habe, die damals noch aus Blei waren, sie eingeschmolzen habe, um daraus einen kleinen Pferdekopf im Wachsausschmelzverfahren zu gießen. Den gibt es übrigens heute immer noch.

Zum einen war für meinen Vater das Beglückenste, wenn er  malen  durfte, zum anderen wollte ich meinem Vater keine Konkurrenz machen.

Beim Finden der Ideen haben wir aber eng zusammengearbeitet.

Auf den Websites    

https://www.lettl.de/ausst/plastik.php

https://artsandculture.google.com/story/awUxzA4xy31TNQ

https://artsandculture.google.com/asset/der-kandidat/5gGSEy8F0uSM2A

https://artsandculture.google.com/asset/der-psychiater-oder-rosa-spinnt-zum-zweiten-mal/SwG-F6km9oZ56A

sind Skulpturen von Ihnen zu sehen. Wer oder was hat Sie inspiriert, gibt es Vorbilder?

Die Ideen für die Skulpturen sind angeregt durch die Bilder meines Vaters.

Welche Rolle spielt der die Skulpturen umgebende Raum?

Im Gegensatz zu einem Bild, das am Rahmen endet, steht eine Skulptur in einem sie umgebenden Raum. Nicht jede Umgebung passt zu jeder Skulptur. Stellen Sie sich nur mal Michelangelos David auf dem Petersplatz vor.

Kann man Ihre Werke stilistisch einordnen?

Die Skulpturen entstehen angeregt durch die surrealen Bilder meines Vaters, daher sind sie wohl dem Surrealismus zuzuordnen.

Wie lange dauert es im Schnitt, bis eine Skulptur oder ein Bild fertiggestellt sind?

Für ein Bild benötigte mein Vater im Durchschnitt einen Monat. An einer Skulptur arbeite ich ca. vier Monate.

Verwenden Sie Skizzenbücher, um Ihre Ideen für eine spätere Umsetzung festzuhalten?

Nein.

Gibt es ein Werk, mit dem Sie sich besonders identifizieren?

Ich wundere mich immer wieder, wie ich die Skulpturen zustande bringe, interessieren tut mich eigentlich aber nur das Nächste, die es noch nicht gibt.

Möchten Sie mit Ihrer Kunst etwas Bestimmtes ausdrücken, gibt es so etwas wie eine“Botschaft“ für den Betrachter?

Mein Vater meinte dazu, wenn er etwas ausdrücken würde, dann sei dies eine Zitrone.

Was möchten Sie noch interessierten Kunstliebhabern mit auf den Weg geben?

Schauen Sie sich die Kunstwerke an, lassen Sie sich nicht von selbsternannten „Kunstschwätzern“ beeinflussen, sondern bilden Sie sich Ihre eigene Meinung.

02. Ausstellung „Gothic Modern – Munch, Beckmann, Kollwitz“ – Albertina Wien 2026

Bild 1: Lucas Cranach d.Ä. – Adam und Eva im Paradies/Sündenfall, 1533

Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie © Foto: bpk/Gemäldegalerie, SMB/Jörp P. Anders                                                  zur Verfügung gestelltes Pressefoto der Albertina

Bild 2: Max Beckmann – Adam und Eva, 1917

Staatliche Museen zu Berlin, Neue Nationalgalerie © Foto: bpk/Nationalgalerie, SMB/André van Linn                                                  zur Verfügung gestelltes Pressefoto der Albertina

„Gothic Modern – Munch, Beckmann, Kollwitz“ – eine große, eindrucksvolle Ausstellung in der Albertina/Wien, die es in sich hat (noch bis zum 11. Januar 2026).

Wenn man – wie ich zum Beispiel – schon recht weit im Lebensalter fortgeschritten ist, hat eine solche Präsentation von Meisterwerken „vom Symbolismus bis Expressionismus, die durch die emotionale Ausdruckskraft mittelalterlicher Kunst inspririert sind“ regelrecht existenzielle Bedeutung. „Memento Mori“, „Totentanz“, „Carpe diem“ kommt da einem durch den Sinn…Sich des Todes noch einmal verstärkt bewusst werden und im Sinne eines ‚Carpe diem‘ die verbliebene Zeit sinnvoll zu nutzen. Das gilt von der Antike über Mittelalter und Barock bis zum Heute gleichermaßen. Das Thema der Vergänglichkeit (Vanitas) ist gerade in diesen Zeiten – leider – aktueller denn je.

Viele Kunstwerke haben sich deshalb damit beschäftigt bzw. auseinandergesetzt. In der Albertina ist nun eine interessante Kombination von „Moderne“ und Tradition zu bewundern, die nicht nur emotional bewegt, sondern auch und besonders zum Nachdenken anregt.

Ich zitiere aus dem Begleittext der Albertina zur Ausstellung: „Die Moderne wird zumeist als radikaler Neubeginn und als Bruch mit der Tradition verstanden. Überraschend ist hierbei jedoch, dass die Künstler:innen der Moderne durchaus auch auf historische Vorbilder blickten, allerdings auf solche, die vor die akademische Tradition zurückgehen, nämlich auf Werke des Mittelalters beziehungsweise der Gotik. […] Dabei werden Hauptwerke von Künstler:innen der Moderne zwischen 1875 und 1925 versammelt und in direkte Konfrontation mit ikonischen Gemälden, Grafiken und Skulpturen Alter Meister gestellt. […] Moderne Künstler:innen inspirierten sich an einer expressiven Bildsprache einer als roh und unverfälscht wahrgenommenn Kunst. Zunehmend strebten sie danach, Seelenzustände sichtbar zu machen und existenzielle Krisen künstlerisch zu verarbeiten.“ […] Sie fanden „tiefgreifende Gefühle wie Liebe, Leid und Trauer in einer Art vorgeprägt, die ihnen als Anknüpfungspunkt für ihr eigenes Schaffen diente.“

Ein paar Hinweise zu verschiedenen Bildern (siehe Anregungen von KI):

Cranach und Beckmann: Bei Cranach wird die Situation vor dem Sündenfall thematisiert. Eva reicht als Verführerin Adam einen Apfel und hält außerdem noch einen zweiten hinter ihrem Rücken versteckt (!). Der Gesichtsausdruck wirkt nicht sehr bedrückt. Der Hirsch wird wohl als Symbol für Christus verwendet, der bedrohlich wirkende Löwe könnte auf die Feindschaft zwischen Mensch und Tier vorausdeuten. Beckmanns Eva legt mit ihrer Darbietung der Brust gegenüber Adam ein eher schamloses Verhalten an den Tag, ein offensichtlicher Gegensatz zur gelben Lilie als Symbol der Keuschheit und Unschuld, die nun offensichtlich – nach dem Sündenfall – keine Rolle mehr spielen. Die Darstellung wirkt insgesamt viel bedrückender als bei Cranach, was sich auch im Gesichtsausdruck der beiden Personen spiegelt. Der Kontext des Ersten Weltkriegs ist natürlich in diesem Zusammenhang nicht zu vernachlässigen. Beide Werke zeigen wesentliche Situationen der menschlichen Existenz, die Menschen in einer Art Ausnahmesituation darstellen und den Betrachter sicher zum Nachdenken darüber motivieren.

Bei Munch treten existenzielle Erfahrungen von Menschen, Trauer (siehe Vordergrund!), Leid und Schmerz – in dunkler Farbgebung (!) –  eindrucksvoll zutage. Und dennoch ist symbolisch über allem – in heller Farbgebung (!) – die Gestalt des gekreuzigten Christus zu sehen, trotz aller Hilflosigkeit ein Symbol der Hoffnung.

Auch bei Kollwitz geht es um eine existenzielle Grundgegebenheit: Die sich windende Mutter mit ihrem Kind im Griff des Todes. Das Kind scheint – wohl vergeblich – den Verlust der Mutter verhindern zu wollen. Die existenzielle Angst des Verlustes kommt sehr emotional, ja, wie es scheint, tragisch zum Ausdruck. Der Betrachter des Werks sieht sich geradezu genötigt einzugreifen – aber letztlich wohl ohne Erfolg. Der Tod ist irgendwann unvermeidlich und stets im Hintergrund Teil des Lebens…

Bild 3: Edvard Munch – Golgotha, 1900

Munchmuseet, Oslo © Foto: Munchmuseet/Ove Kvavik                  zur Verfügung gestelltes Pressefoto der Albertina

Bild 4: Käthe Kollwitz – Tod und Frau, 1910 (Radierung)

Albertina Wien, zur Verfügung gestelltes Pressefoto

03. Lisette Model Retrospektive – Albertina Wien 2026

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Lisette Model  

„Die einer Wiener Familie mit jüdischen Wurzeln entstammende Lisette Model (1901-1983) gilt als eine der international einflussreichsten Fotografinnen. Die Ausstellung in der ALBERTINA ist die bisher umfangreichste Präsentation der Künstlerin in Österreich und vereint ihre wichtigsten Werkgruppen zwischen 1933 und 1959.“ […]

„Mit ihren aufsehenerregend direkten Bildern verändert Lisette Model (1901–1983) die Fotografie schlagartig. Ihre unmittelbare, humorvolle, oft konfrontative, manchmal aber auch empathische Form der Wiedergabe revolutioniert die klassische Dokumentarfotografie. In ihren Aufnahmen von Straßenszenen und Porträts verbinden sich sozialer Realismus und emotionaler Ausdruck: „Schieß aus dem Bauch heraus!“ lautet ihr berühmtes Credo.“  [Pressetext der Albertina, S.4-5.]

Eine sehr eindrucksvolle Ausstellung, die da in der Albertina zu bewundern ist. Lisette Model war Mitglied der Photo League in New York, die „eine wichtige Rolle bei der Entwicklung der sozialdokumentarischen Fotografie in den USA“ [https://de.wikipedia.org/wiki/Lisette Model] spielte – und das ist auch deutlich zu sehen.

Der Bogen ist weit gespannt, von der New Yorker Lower East Side mit der Abbildung von Menschen, die sozial benachteiligt sind, über Fotografien aus der Serie Promenade des Anglais, die, so der begleitende Text in Regards 1935, klassenkämpferisch anmuten [„Die Promenade des Anglais ist ein zoologischer Garten, in dem sich die abscheulichsten Exemplare der Spezies Mensch in weißen Sesseln räkeln. Ihre Gesichter zeugen von Langeweile, Herablassung, impertinenter Dummheit und bisweilen Niedertracht. Diesen Reichen, die ihre Zeit vor allem damit verbringen, sich zu kleiden, zu schmücken, zu maniküren, zu schminken, gelingt es nicht, die Dekadenz und unermessliche Leere bürgerlichen Denkens zu verbergen.“ Pressetext der Albertina, S.6-7] hin zu Einblicken in das pulsierende, emotional aufgeladene Musikleben (Jazz!) der Zeit (ab den 1940er-Jahren).

Manchmal entsteht vielleicht der Eindruck, die Fotografin stellt manche abgebildeten Personen sehr ungeschönt, ja  „unvorteilhaft“, fast karikaturesk „zur Schau“. Aber: „Auch dem Vorwurf der sarkastischen Wiedergabe ihre[r-sic!] Modelle widerspricht sie und führt stattdessen eine humanistische Sichtweise ins Treffen, die der Stärke und Persönlichkeit der Dargestellten gilt. Emotionaler Ausdruck und sozialer Realismus sind in den Fotografien untrennbar verbunden: Den expressiven Körpern ist die Last der harten Lebensumstände deutlich eingeschrieben.“ [Pressetext der Albertina, S.8] Was hinter der „Fassade“ zu entdecken ist, psychologische Hintergründe des Alltäglichen, Unsicherheit, Einsamkeit, aber auch Lebensfreude werden unkonventionell zum Ausdruck gebracht.

Fazit: Eine wortwörtlich sehr sehenswerte, in die Tiefe der menschlichen Psyche auch symbolisch eindringende Ausstellung über eine fotografische Künstlerin, die sicher nicht jedem „normalen Hobbyfotografen“ vorher ein Begriff war.

Die Ausstellung kann noch bis 22.2.2026 besucht werden.

04. Brigitte Humpelstetter, Kopistin im Kunsthistorischen Museum Wien  4.12.2025

_pics_320_GG_1016_2018_CD_web1.jpg   ©KHM-Museumsverband

Am 4. Dezember 2025 in der Bruegel-Abteilung (Pieter Bruegel der Ältere 1525/30 – 1569) des Kunsthistorischen Museums Wien (Gemäldegalerie Saal X), das zu den größten und bedeutendsten Museen der Welt zählt: Ich sehe Frau Brigitte Humpelstetter, eine bekannte Künstlerin und Kopistin bei der Arbeit an „Kampf zwischen Fasching und Fasten“, ein unglaublich detailreiches Gemälde von Pieter Bruegel dem Älteren. Frau Humpelstetter, eine schon ältere Dame ist mit großer Leidenschaft, sichtbarer Gestaltungsfreude, Konzentration und – vor allem – mit geübtem Auge dabei, jedes auch noch so kleinste Detail auf ihrer Leinwand auszuarbeiten. Einfach faszinierend, was diese Künstlerin, die im Gespräch wiederholt ihren großen Respekt gegenüber dem zu kopierenden Meister zum Ausdruck bringt, hier zustande bringt.

Im Folgenden ein Kurzinterview, das die Künstlerin mir bereitwillig gegeben hat und das, wie ich meine,  interessante Einblicke in ihre Arbeit vermittelt.

https://www.museumsfernsehen.de/kopistin-brigitte-humpelstetter-begeistert-sich-fuer-bruegel/

https://www.museumsfernsehen.de/brigitte-humpelstetter-kopistin-mymuseummoment-im-kunsthistorischen-museum-wien/

https://www.khm.at/

https://www.khm.at/digital

05. "Seht wie würdevoll!" - Spanische Meistergrafik von Goya und Dalí im Schaezlerpalais Augsburg

„Auch wenn man sich nicht im geringsten für Kunst interessiert, wenn man nach Spanien kommt, um Apfelsinen einzukaufen oder die Agrarfrage zu studieren, als Börsenjobber oder Agitator – an Goya kann man nicht vorbeigehen: er ist der beste Führer durch das Land.“ (Ilja Ehrenburg, 1932)1

Nicht vorbeigehen ohne ein gewisses Staunen, eine emotionale, innere Beteiligung und inspirierendes Nachdenken über das Geschaute kann man bei der eindrucksvollen Ausstellung im Schaezlerpalais „Seht wie würdevoll!“ – Spanische Meistergrafik von Goya  [1746 – 1828] und Dalí. [1904 – 1989].

Dabei handelt es sich um zwei Grafikfolgen (Auswahl als Leihgaben aus Spanien): Die „gesellschaftskritischen Blätter aus Los Caprichos von Goya [zwischen 1793 und 1799 entstanden], „Wegbereiter der Moderne“ und, gedacht als „Hommage“ an Goya, die von Salvador Dalí „surrealistisch“ bearbeiteten, in der Ausstellung sehr gelungen nebeneinander präsentierten und dadurch in Beziehung zueinander gesetzten Blätter, „wobei das Paradoxe und Mehrdeutige von Goyas Los Caprichos  ins Surreale gesteigert wurde.“2

Zur Verfügung gestelltes Pressebild: Goya_Capricho_63_miren_que_grabes_c_Fundación Museo de Artes do Gravado á Estampa Dixital.jpg

Goyas Grafik Nr.63, „Miren que grabes!/Seht wie würdevoll“, wird sowohl im Beiheft3 als auch im Katalog zur Ausstellung4 wiedergegeben, deshalb ein paar kurze Bemerkungen dazu.

Goya selbst kommentiert: „Der Druck zeigt, dass diese hier zwei Hexer von Vermögen sind, die ausritten, um sich ein wenig zu Pferd zu bewegen.“5  Hexendarstellungen sind bei dem Künstler nichts Außergewöhnliches, einmal davon abgesehen, dass diese Thematik nicht nur die Zeitgenossen faszinierte, sondern auch im Spanien des 18. Jahrhunderts immer noch in Form von Hexenwahn und Aberglaube eine Rolle spielten, ja sogar noch Ketzer- und Zauberprozesse stattfanden.6

Der Titel bedeutet offensichtlich eine Kritik an falscher Würde und ist somit ironisch gemeint.

Tier-Mensch-Zwitterdämonen stehen für allgemeine menschliche Laster und Schwächen, einen Verlust an Vernunft im Zeitalter der „raison“, der Aufklärung, und können, hier satirisch verstanden, als Repräsentanten von Autoritäten wie Staat und Kirche gesehen werden. Ein Detail ist dabei – psychologisch betrachtet – interessant: Die gefalteten bzw. verschränkten Hände /Krallenpranken. Derart gefaltete Hände (oder Arme) deuten oft auf eine abweisende Haltung hin (wohl als Abgrenzung gegenüber dem „normalen“ Volk, symbolisiert durch Hase und Esel!) oder auch auf eine Geste von Gestalten, die sich sicher fühlen und z.B. getroffene Entscheidungen nicht mehr verhandelbar machen.7

Solche „Seitenhiebe“, die Goya in seinen Blättern immer wieder in grotesker8 Weise zur Anwendung bringt, veranlassen den Betrachter sicher dazu, die gesellschaftlichen Hintergründe zu überdenken. Nicht nur zur Zeit des Karnevals ist hinter „Masken“ tragenden Menschen etwas verborgen, das eben nicht für jedermann sichtbar sein soll. Zumindest der heutige kritische Kunstliebhaber wird sich dabei die eine oder andere Frage stellen und die dargestellte Situation mit der Gegenwart in Verbindung bringen.

Dalí hat nun das linke Monster koloriert und mit einem langen Schweif versehen. Die dem Betrachter zugewandte Körperseite ist zudem mit Flecken übersät, vielleicht um das „Kranke“ an der ganzen Szenerie noch zu betonen (die Farbe Gelb trägt sicherlich auch dazu bei).

Goyas „Ungeheuer“ sind manchmal, wie ich meine, schwer zu „ertragen“. Der Titel des Bildes wurde geändert in „Goya“, vielleicht um eine für Goya „typische“ Darstellung mit der Geißelung der Gesellschaft zum Ausdruck zu bringen.

Dalí hat bei Goya wohl auch „surreale/surrealistische“ Motive und Themen entdeckt bzw. wiedergefunden, die für ihn selbst von großem künstlerischen Interesse waren. In diesem   Zusammenhang ist sein Essay La conquête de l’irrationnel“/“Die Eroberung des Irrationalen“ [Paris 1935] mit seiner Vorstellung der „paranoid-kritischen Methode“ für seine „Interpretation“ durchaus erhellend.9

Fazit: Eine wirklich lohnende und erhellende Ausstellung, bei der man/frau genügend Zeit mitbringen sollte, um möglichst viele Querbezüge, Details in der künstlerischen Darstellung bzw. Ausführung der Blätter und manches andere entdecken zu können. Es lohnt sich!

Literarischer Exkurs: Für literarisch Interessierte sei ausdrücklich auf die besondere Beziehung zwischen Goya und Charles Baudelaire (1821 – 1867) aufmerksam gemacht. Baudelaire, selbst Vorläufer der Symbolisten und damit Wegbereiter der europäischen Moderne, sah sich, was „Modernität“ betrifft, Goya, den er bewunderte, verbunden. So scheint es nicht verwunderlich, wenn er ihm in seinen Les Fleurs du Mal (Die Blumen des Bösen (1857) in der siebten Strophe des Gedichts Les Phares (Die Leuchtfeuer) ein Denkmal gesetzt hat.10 Die „Realität“ erscheint bei Baudelaire „als überwiegend hässlich und morbide, der Mensch als hin- und hergerissen zwischen den Mächten des Hellen und Guten („l’idéal“) und denen des Dunklen und Bösen, ja Satans („le spleen“)“11, Letzteres sicher ein deutlicher Bezug zu Goya.

Baudelaire wurde übrigens 1857 in einem Strafprozess wegen „Beleidigung der öffentlichen Moral“ verurteilt. Sechs „wegen obszöner und unmoralischer Passagen“ beanstandete Gedichte waren dafür der Anlass. Sie wurden deshalb in der zweiten Auflage 1861 weggelassen, und ihr Verbot wurde erst 1949 in Frankreich aufgehoben.12 Wer denkt in diesem Zusammenhang nicht gleich an Goyas Furcht vor der Inquisition, was ihn dazu bewog, nur wenige seiner Serien in den Handel kommen zu lassen und dem Königshaus 1803 240 Zyklen zu übergeben.13

Als Abschluss und zum besseren Verständnis möchte ich noch Baudelaires Vierzeiler neben dem Original in meiner eigenen Übertragung anführen:

Charles Baudelaire:  LES PHARES

Goya, cauchemar plein de choses inconnues,
De fœtus qu’on fait cuire, au milieu des sabbats,
De vieilles au miroir et d’enfants toutes nues,
Pour tenter les démons ajustant bien leurs bas;

Goya, Alptraum, den unbekannte Dinge füllen,
Föten gebraten beim Hexensabbat,
Alte vorm Spiegel und Mädchen ganz nackt,
die ihre Strümpfe wohl richten, die Dämonen zu locken.

1Jutta Held: Francisco de Goya, Reinbek bei Hamburg 92008, Widmung.

2 Eine Serie besteht aus 80 Blättern, gefertigt in einer Mischung aus Radier- und zur damaligen Zeit neuartigen Aquatinta-Technik. Dalí hat dann mithilfe spezieller Drucktechnik Goya reproduziert und überarbeitet von 1973 bis 1977. [Infos aus dem Beiheft zur Ausstellung]

3 Grafik-Ausschnitt auf dem Front-Cover:„Seht wie würdevoll!“ – Spanische Meistergrafik von Goya und Dalí.    Texte: Andreas Tacke.

4 „Goya-Dali. Los Caprichos. Eine Gegenüberstellung.“ Herausgeber und Text: Dr. Benno Lehmann, Mannheim.

5  Ebd., G63.

6 Vgl. Held, S.54.

7 Vgl. https://www.wiwo.de/erfolg/koerpersprache-was-gesten-ueber-sie-verraten/8151968.html (WirtschaftsWoche) und https://praxistipps.focus.de/verschraenkte-haende-so-koennte-man-die-koerpersprache-deuten_184845

Interessant in diesem Zusammenhang: Baudelaire:„De l’essence du rire“ (1855) und Wolfgang Kaysers Standardwerk: Das Groteske: Seine Gestaltung in Malerei und Dichtung (1957).

9 Siehe Sarah Hadda: Der Schnitt als Denkfigur im Surrealismus  Max Ernst, Man Ray, Luis Buñuel und  Salvador Dalí, Dissertation, © 2019 transcript Verlag, Bielefeld. „Dalí schreibt in Die Eroberung des Irrationalen: „Paranoisch-kritische Aktivität: spontane Methode irrationaler Erkenntnis, die auf der kritisch-interpretierenden Assoziation wahnhafter Phänomene beruht.“41 Dieses Phänomen „objektiviert sich erst a posteriori durch Einschalten der Kritik“.42,“ S.224.

10 Baudelaire verweist übrigens in seinen 1868 posthum erschienenen Curiosités esthétiques auf Théophile Gautiers vorbildlichen Beitrag zu Goya, veröffentlicht 1842 in Le Cabinet de l’amateur.

  Baudelaire: „À propos de Goya je dois d’abord renvoyer mes lecteurs à l’excellent article que Théophlie Gautier a écrit sur lui…“ Allerdings galt Gautier als Vertreter der „L’art pour l’art“ – Bewegung („Kunst um der Kunst willen“).

11 https://de.wikipedia.org/wiki/Charles_Baudelaire

12 Ebd.

13 Siehe Beiheft zur Ausstellung.

06. Miguel Chevalier - Wegbereiter der digitalen Kunst in der Kunsthalle München (2026)

Wer sich bisher nur mit der – detaillierten – Bearbeitung von Pixeln digitaler Kamerabilder auseinandergesetzt hat, wird erstaunt sein, was auf diesem Gebiet, vor allem auch künstlerisch, noch alles möglich ist. Miguel Chevalier, geboren 1959 in Mexiko-Stadt, der heute in Paris lebt und arbeitet, zeigt auf sehr beeindruckende Weise, zu was ein Computer als sein wichtigstes Medium alles „fähig“ ist – da kann sicher manche für Hobbyfotografen zugängliche Fotobearbeitungssoftware, allein schon künstlerisch, nicht mehr mithalten!

Die angesehene Kunsthalle München, die bereits auf eine lange Reihe von Ausstellungen verweisen kann, präsentiert etwa 120 Werke Chevaliers u.a. mit extra für die Ausstellung neu entstandenen Kreationen. Es ist die „bisher größte Einzelausstellung in Europa“! Dabei kommen neueste Technologien und auch künstliche Intelligenz (KI) zum Einsatz, ebenso wie 3D-Druck und Robotik.

 

  „Zentral ist für ihn [Chevalier] die Interaktion von Künstler und Maschine sowie das Spiel zwischen System und Zufall als stilistische Erweiterung der eigenen künstlerischen Kreativität.“1

 

Nicht nur „Grundlegendes“ wie Binärsystem, Pixelstrukturen und Algorithmen, auch überraschende Verbindungen bzw. die Beziehung Mensch – Umwelt kommen auf „fassbare“, „raumgreifende“ Weise zum Ausdruck: Körperbewegungen können beispielsweise interaktiv über  Installationen erzeugt werden, ganz im Sinne des Künstlers, der damit Kunstbesucherinnen und Kunstbesuchern Gelegenheit gibt, sich selbst in den Schaffensprozess einzubringen.2

 

Fazit: Skulpturen, Zeichnungen und vor allem die (interaktiven) „überdimensionalen“ Installationen, die laufend neue Bilder produzieren, und das in einem faszinierenden (Pixel-)Farbrausch, lassen Betrachterin und Betrachter mit Staunen durch die empfehlenswerte Ausstellung ziehen.3

 

1 Zitiert, wie auch im Folgenden, nach dem sehr umfangreichen und informativen Pressetext.

2 Erwachsene und Kinder können sogar „an der Entwicklung von Chevaliers bislang größtem virtuellen Garten, Pixel   

  Flowers, mitwirken, indem sie ihre eigenen Pflanzen kreieren“, die in einem Gewächshaus in der Ausstellung zu

  sehen sind.

3 Die Ausstellung, die schon seit dem 12. September 2025 präsentiert wird, läuft nur noch bis zum 1. März 2026.

Bildnachweis:

1: Porträt Miguel Chevalier
© Miguel Chevalier, Foto: Siam Paragon

2: Miguel Chevalier, Meta-Nature AI, seit 2023, Generative und interaktive Installation, Software: Claude Micheli, Antoine Villeret, Installationsansicht: Jeonnam Museum of Art, Gwangyang (Südkorea), 2024
© Miguel Chevalier, VG Bild-Kunst, Bonn 2025, Foto: Thomas Granovsky

3: Miguel Chevalier, Janus, 2013, Installationsansicht: Grand Palais Immersif, Paris
© Miguel Chevalier, VG Bild-Kunst, Bonn 2025, Foto: Thomas Granovsky

4: Digital by Nature. Die Kunst von Miguel Chevalier, 12.9.2025–1.3.2026, Kunsthalle München
© Miguel Chevalier, VG Bild-Kunst, Bonn 2025, Foto: Stefan Heigl

07. Eine anregende Reise mit Marta Zaniewska-Bibileishvili durch (nicht nur blaue) fantasiereiche künstlerische Welten

Arthur Rimbaud schließt sein berühmtes Sonett „Voyelles“/“Vokale“ mit dem Vokal ‚O‘ ab, den er mit der Farbe Blau assoziiert:

„O, erhabenstes Horn, erfüllt von seltsamem Zischen,/Stille Momente von Welten und Engeln durchzogen:/- O das Omega, bläulicher Strahl ihrer Augen !“1

Der letzte Buchstabe des griechischen Alphabets verweist hier auf Kosmisches, Vollendung, die letzte Stufe einer Entwicklung, ja vielleicht sogar Göttliches…

Blau, die vorherrschende Farbe in den Werken von Marta Zaniewska-Bibileishvili in ihrer zum Nachdenken anregenden, Geist und Imagination inspirierenden, Interesse weckenden und künstlerische Fragen aufwerfenden Ausstellung im Kunsthaus Schwabmünchen ist nicht irgendeine Farbe: „Blau war immer mehr als Farbe. Es war ein Zeichen für das Unsichtbare.“ Und: „Blau ist der Moment, in dem der Gedanke leiser wird und die Seele zu atmen beginnt.“2

In Kombination mit Schwarz und Weiß, die nicht als eigentliche ‚Farben‘ gelten, aber starke Kontraste bewirken, mit Ocker, Wein-Rot und behutsam eingesetzten anderen Farben, zudem verbunden mit gitterartigen Geflechten und biologisch-organisch vielfältigen Formen lassen die sehr vielfältig aufscheinenden blauen Nuancen voll zur Geltung bringen.

Blau hat schon viele Künstler und Künstlerinnen beschäftigt, inspiriert und herausgefordert: Viele und Vieles kommt hier in den Sinn: Der intensive Himmel bei Van Gogh, Picassos „Blaue Periode“, Yves Kleins Ultramarin mit seinem „International Klein Blue“, „Der Blaue Reiter“, Kandinsky, um nur einige Beispiele zu nennen. Ja selbst Goethe hat sich in seiner „[Zur] Farbenlehre“ von 1810 auch ausdrücklich zur Farbe Blau geäußert:

„779. Diese Farbe macht für das Auge eine sonderbare und fast unaussprechliche Wirkung. Sie ist als Farbe eine Energie; allein sie steht auf der negativen Seite und ist in ihrer höchsten Reinheit gleichsam ein reizendes Nichts. Es ist etwas Widersprechendes von Reiz und Ruhe im Anblick.

781. Wie wir einen angenehmen Gegenstand, der vor uns flieht, gern verfolgen, so sehen wir das Blaue gern an, nicht weil es auf uns dringt, sondern weil es uns nach sich zieht.“3

between the lines“ heißt das Motto der Ausstellung – betrachten, erkunden, sich Gedanken machen, „zwischen den Zeilen“…Die ausgestellten Werke „eröffnen vielschichtige Interpretationsräume, in denen Bedeutung nicht festgelegt, sondern prozessual erfahrbar  wird.  Sie fordern eine aktive Auseinandersetzung mit dem Wahrgenommenen und dem Nicht-Gesagten – und regen dazu an, im übertragenen Sinne „zwischen den Zeilen“ zu lesen.“4 Bizarr anmutende, verschlungene, pinselartige Formen, bisweilen ’schwebend‘ im Raum, flächig aufgetragene Farben und vieles andere mehr lassen sicher – zuächst – manchen Betrachter/manche Betrachterin vor einem künstlerisch-abstrakten Rätsel vielleicht wirklich etwas ratlos zurück. So kann eine gewisse ‚Distanz‘5 geschaffen werden, die den Betrachter auffordert, sich auf das ‚Bild‘ einzulassen, es emotional-kreativ anzugehen, sich eigene Gedanken dazu zu machen. Dieser Prozess der ‚Auseinandersetzung‘ mit dem vom Künstler/von der Künstlerin geschaffenen Werk ist gerade das Inspirierende, Spannende – eine Freiheit, die man/frau z.B. bei manch figürlichen Darstellungen nicht immer in diesem Maße genießt. Dennoch gibt es bisweilen – versteckte – ‚Anspielungen‘ auf soziale Verhältnisse, die aber nicht endgültig vom Betrachter ‚entschlüsselt‘ werden können, was gerade durch die Nicht-Eindeutigkeit den Reiz der entsprechenden Werke ausmacht. ‚Untertitel‘ wie z.B. „Wer weiß. was wirklich passiert ist“ oder „Ich habe nichts gesehen“ mobilisieren alle Sinne, um vielleicht doch noch den einen oder anderen ‚erhellenden‘ Gedanken, auch assoziativ, aufleuchten zu lassen. Mit neuen Augen kann man/frau sich dann erneut dem Kunstwerk zuwenden und manchem Detail (einen eigenen)Sinn verleihen.

Die sehenswerte Ausstellung ist noch bis zum 5. April zu besuchen.

 

1 Eigene Übertragung

2  https://erlebnismalerei.com/blogs/news/die-farbe-blau

3  https://www.textlog.de/goethe_farben.html

4 zitiert nach dem Faltblatt des ‚kunstverein schwabmünchen e.V.‘

5 siehe erlebnismalerei.com: „Im Blau liegt die Kunst der Distanz. Es schafft Raum, wo Ruhe 

  entstehen darf.“

Bilder: „Ich habe nichts gesehen“ und „Wer weiß, was wirklich passiert ist“

Die Künstlerin hat sich auch noch für ein Interview zur Verfügung gestellt und dabei interessante Einblicke in ihr künstlerisches Schaffen vermittelt.

1.Können Sie zunächst ein paar Informationen zu Ihrer bisherigen Künstlerkarriere mitteilen?

Meine Begeisterung für Kunst begann bereits in meiner Kindheit und wurde vor allem durch meine Familie geprägt. Mein Großvater war ein leidenschaftlicher Hobby-Aquarellmaler, und diese Liebe zur Kunst zieht sich durch mehrere Generationen. Ich bin mit Kunst, Literatur, Theater und Musik aufgewachsen, was mich nachhaltig beeinflusst hat.

Vor einigen Jahren haben wir in Polen gemeinsam eine Familienkunstgalerie gegründet, in der aktuell 14 Familienmitglieder ausstellen – das ist für mich etwas ganz Besonderes.

Lange Zeit habe ich eher im privaten Rahmen gearbeitet, also ohne Öffentlichkeit. Erst seit 2023, mit meinen großformatigen Arbeiten und dem Beitritt zum Kunstverein Bobingen, bin ich stärker nach außen getreten. Seitdem hat sich vieles entwickelt: Ich konnte mehrere Einzelausstellungen realisieren, unter anderem im Kunsthaus Schwabmünchen, in der Mohr-Villa in München, im abraxas in Augsburg oder im Kulturzentrum „Hugonowka“ im polnischen Konstancin-Jeziorna.

Seit meinem Debüt im Jahr 2023 habe ich an über zwanzig Ausstellungen teilgenommen, darunter die Große Schwäbische Kunstausstellung in Augsburg, die Große Nordschwäbische Kunstausstellung in Donauwörth, KULT KUNST in Krumbach, die Große Kunstausstellung AK68 in Wasserburg am Inn, die Kunstausstellung in Bayreuth, die Ausstellung „Schwäbische Künstler in Irsee“, die virtuelle Ausstellung „Sine Loco“ des FMDK in München, OJA 2024 in Traunstein sowie Kunstpreisausstellungen in Aichach, Gersthofen, Schwabmünchen und Bobingen.

Besonders freue ich mich darüber, dass meine Werke von der Kunsthalle Augsburg und dem Landratsamt Augsburg angekauft wurden – das ist für mich eine besondere Auszeichnung.

2.Wie kam es zur Ausstellung im Kunstverein Schwabmünchen?

Der Kontakt entstand im Rahmen meiner Teilnahme an der Kunstpreisausstellung „Drahtseilakt“ in Schwabmünchen im Jahr 2024. Aus dem anschließenden Austausch mit dem Kunstverein entwickelte sich die Einladung zu einer Einzelausstellung. Diese bietet mir die Möglichkeit, eine zusammenhängende Werkgruppe zu präsentieren und stellt zugleich einen wichtigen Schritt in meiner künstlerischen Entwicklung dar.

3.Könnten Sie vielleicht ein paar Anregungen zum Verständnis des Titels „between the lines“ geben?

Der Titel „between the lines“ verweist auf das, was sich zwischen den sichtbaren Ebenen abspielt. Im Zentrum stehen Spannungsfelder zwischen Oberfläche und Tiefe sowie zwischen Klarheit und Auflösung – sowohl auf einer greifbaren als auch auf einer emotionalen Ebene. Meine Arbeiten laden dazu ein, das Nicht-Offensichtliche wahrzunehmen und eigene Assoziationen zu entwickeln.

4. Gibt es für Sie eine Art stilistisches Vorbild, oder haben Sie sich von anderen Künstlern inspirieren lassen?

Inspiration finde ich vor allem in Ausstellungen. Ich entdecke in nahezu jeder Stilrichtung interessante Ansätze, sowohl in der klassischen als auch in der zeitgenössischen Kunst. Besonders faszinieren mich Farbkombinationen, Strukturen und feine Nuancen.

Auch das genaue Beobachten spielt für mich eine zentrale Rolle – nicht nur auf handwerklicher, sondern auch auf emotionaler Ebene. Mein familiärer Hintergrund, unter anderem geprägt durch eine Psychologenfamilie, beeinflusst dabei sicherlich meinen Blick auf Menschen und Themen.

5.Wie kommen Sie auf die Idee eines neuen Werks? Haben Sie dabei von Anfang an feste Vorstellungen, wie das Endprodukt aussehen soll?

Ein Werk beginnt häufig ohne festgelegtes Endergebnis, sondern entwickelt sich aus einem Impuls, einer Stimmung oder einer Fragestellung heraus. Der Prozess entfaltet sich schrittweise im Arbeiten selbst.

Ich arbeite in Schichten, baue Strukturen auf und breche sie bewusst wieder auf. Kontrolle und Zufall stehen dabei in einem kontinuierlichen Wechselspiel. In einzelnen Werkreihen, wie beispielsweise meiner Serie „Menschen“, gehe ich hingegen gezielter und konzeptioneller vor.

6. Wann ist für Sie ein Werk gelungen oder – ganz einfach – ‚fertig‘?

Das ist ein sehr intuitiver Moment. Ein Werk ist für mich abgeschlossen, wenn es sich stimmig anfühlt und eine innere Balance erreicht ist. Dabei geht es weniger um Perfektion als um ein Zusammenspiel von Spannung und Ruhe. Dieser Punkt ist schwer planbar und schwer zu beschreiben aber eindeutig spürbar.

7. Bevorzugen Sie bestimmte Farben oder Techniken?

Ich arbeite überwiegend mit Acryl auf Leinwand und Holz. Die Farbe Blau zieht sich wie ein roter Faden durch viele meiner Werke und wird durch eine bewusst reduzierte Farbpalette ergänzt.

Mir ist wichtig, dass Farbe den Inhalt unterstützt, ohne zu dominieren. Meine Arbeiten entstehen in mehreren Schichten und sind geprägt von Kontrasten, Strichen und Konturen, feinen Details sowie zeichnerischen Elementen. Wiederkehrende Motive verstärken dabei die inhaltliche Verbindung.

8. Soll beim Bildbetrachter etwas Bestimmtes ausgelöst werden?

Ich möchte keine eindeutigen Antworten vorgeben, sondern Raum für eigene Interpretationen lassen. Es geht mir weniger darum, dass ein Werk gefällt, als vielmehr darum, dass es etwas auslöst.

Ich finde es spannend zu beobachten, wie unterschiedlich Menschen auf meine Arbeiten reagieren. Im besten Fall hält der Betrachter einen Moment inne und entwickelt eigene Gedanken oder Gefühle.

9. Mit welchen Gedanken schauen Sie in Ihre künstlerische Zukunft?

Ich möchte meine künstlerische Arbeit weiter vertiefen und inhaltlich schärfen. Mein Ziel ist es, an weiteren anspruchsvollen Ausstellungen teilzunehmen und neue Einzelausstellungen zu realisieren.

Zudem interessiert mich zunehmend, gesellschaftliche Themen stärker in meine Arbeit einzubinden. Ein erster Ansatz ist meine fortlaufende Serie „Menschen“, die sich mit Mut, Zivilcourage und zwischenmenschlichen Beziehungen auseinandersetzt.

10. Was möchten Sie noch Kunst-Interessierten mit auf den Weg geben?

Ich möchte dazu ermutigen, Kunst offen und ohne feste Erwartungen zu begegnen. Man muss Kunst nicht zwingend verstehen, um sie zu erleben – oft genügt es, sich intuitiv darauf einzulassen. Auch Kindern sollte früh der Zugang zu Kunst ermöglicht werden.

Für mich persönlich war es wichtig, einen eigenen künstlerischen Weg zu finden und einen Stil zu entwickeln, in dem ich mich sowohl wohlfühle als auch herausgefordert werde. Kunst bedeutet für mich Freiheit.

Man verliert viel von dieser Freiheit und Leidenschaft, wenn man sich zu stark an äußeren Maßstäben orientiert oder den wirtschaftlichen Erfolg in den Mittelpunkt stellt. Kunst entsteht aus einem inneren Bedürfnis heraus – und genau dieses sollte im Zentrum stehen.

 

 Links:

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