Geschichte

01. Eine Welt im Umbruch? Welche geschichtlichen Prozesse bewegen die Welt?

02. Römisches Mosaik nach Restaurierung in der Pfalz wieder in Augsburg

03. Auf Spurensuche mit Provenienzforscherin Dr. Barth-Coorssen im Schaezlerpalais Augsburg am Internationalen Tag der Provenienzforschung (8. April 2026)

04. Mit Dr. Karin Perz im Zeughaus der Stadt Augsburg auf den Spuren der Römer: „Vom Umgang der Römer mit fremden Gottheiten“ (18.06.2026)

01. Eine Welt im Umbruch? Welche geschichtlichen Prozesse bewegen die Welt?

Eine Einschätzung der gegenwärtigen Lage (Januar 2026) von Rupert Huber, ehemaliger Gymnasiallehrer für die Fächer Geschichte und Sozialkunde

Geschichtliche Prozesse und kulturelle Entwicklungen bedingen sich schon immer gegenseitig, treiben einander an.

So ist etwa die jahrzehntelang gültige bipolare Weltordnung des Kalten Krieges und deren ideologische Grundausrichtung nach 1990 längst aufgebrochen, Fukujamas „Ende der Geschichte“ mit dem prognostizierten Endsieg des demokratisch-kapitalistischen Modells ist auch längst schon wieder Geschichte.

Heute stehen sich im Wesentlichen drei politische Modelle gegenüber: Führer-Diktaturen (China, Russland) bzw. theokratische Diktaturen (Iran), autoritäre (z.B. die Trump-USA) bzw. illiberale Systeme (z.B. Ungarn, Slowakei, z.T. Polen) im Herzen Europas und eben die in Bedrängnis geratenen parlamentarisch-demokratischen Staaten.

Welche neuen politischen und kulturellen Werte sichtbar werden kann man am Beispiel der USA belegen. Im Einzelnen:

• Absage an eine regelbasierte Ordnung (siehe z.B. UN, Völkerrecht), stattdessen „America First“ und MAGA mit
  unilateralen imperialistischen Ambitionen (siehe ‚Donroe‘-Doktrin, Grönland)

• im Inneren Antiintellektualismus, Wissenschaftsfeindlichkeit (siehe Harvard), elitäres, pervertiertes christlich-nationales Menschenbild  (siehe ‚white supremacy‘)

• de facto Aushebelung der Gewaltenteilung, ‚checks and balances‘ greifen nicht mehr, Missbrauch der Justiz

• Erosion der Rechtsstaaten (zerstörter Minderheitenschutz, ICE).

In Summe läuft das auf eine eklatante Bedrohung der Verfassung hinaus. Ob der Souverän, das US-amerikanische Volk, Fehlentwicklungen (siehe Trumps Kampagne zur ‚gestohlenen Wahl‘) überhaupt an der Wahlurne (z.B. die mid-terms) korrigieren kann, ist nicht (mehr) garantiert.

Für Europa bedeutet das Zusammentreffen der 1. ‚Zeitenwende‘ (Angriffskrieg Russlands in und um Europa) mit der 2. ‚Zeitenwende‘ (erkennbare Abwendung der USA vom bisherigen Schutzversprechen der NATO, Europa jetzt als erklärter liberaler Feind) eine existenzbedrohende Herausforderung.

Wie dem begegnen, was sollte/müsste Europa in dieser fundamentalen Krisensituation hinbekommen?

• militärisch mittelfristig auf eigenen Füßen stehen (Abschreckung)

• Regulierung der unsozialen ’sozialen Medien‘ gegen russische Trolle und US-Tech-Giganten

• digitale Unabhängigkeit gegen Russland, China und USA anstreben, vor allem die bisher cloudgestützte Totalabhängigkeit von den USA  zurückfahren

• Erderhitzung und Klimawandel einigermaßen einhegen durch Abkehr von fossilen Brennstoffen, besonders aus Russland und USA

• parlamentarisch-demokratische Strukturen in Europa aufrecht erhalten und autoritäre bzw. illiberale Übernahmemanöver in                Großflächenstaaten (etwa Frankreich 2027, Deutschland 2029) verhindern

Tatsächlich also alles auf einmal.

Wir müssen es entschlossen angehen, es gibt keine andere Option.

02. Römisches Mosaik nach Restaurierung in der Pfalz wieder in Augsburg

Wir befinden uns im Jahre 2026. Augsburg, Augusta Vindelicum, heute drittgrößte Stadt Bayerns und mit einer über 2000jährigen Geschichte vor langer Zeit Hauptstadt der römischen Provinz Rätien – älteste Stadt von ganz Deutschland? (Leider) Nein! Diesen Platz nimmt – so ist zu lesen – das etwa 16 v.Chr. von den Römern gegründete Augusta Treverorum (Trier) in Rheinland-Pfalz ein.

Und wie sieht es mit dem ‚Konkurrenten‘ Kambodounon (Kempten) aus? Diese Stadt gilt als die „älteste schriftlich erwähnte Stadt Deutschlands“, die in einem Buch des Geografen Strabon schon im Jahr 18 n.Chr. Erwähnung findet1.

Welchen Platz nimmt nun Augusta Vindelicum ein? Zumindest gilt das heutige Augsburg als älteste Stadt Bayerns. ‚Amtlich festgelegt‘ scheint die ganze ‚Rangordnung‘ ohnehin nicht zu sein. Jedenfalls ließen offensichtlich zwischen 8 und 5 vor Christus die Römer ein „Militärlager im heutigen Stadtteil Oberhausen“ errichten, was Augsburg als „ältesten römischen Stützpunkt in Bayern“ auszumachen scheint2.

Sei dem, wie dem sei, ein aus dem Stephansgarten stammender, bedeutender  Mosaik-Fund aus der Römerzeit Augsburgs (2./3. Jahrhundert nach Christus) ist nach seiner Restaurierung in einer Spezial-Werkstatt in der Pfalz wieder dahin zurückgekehrt, wo er auch augenscheinlich ‚hingehört(e)‘.

Gefunden und geborgen wurde der spektakuläre Fund 1986/87 im Garten des Klosters St. Stephan (Domviertel). Es handelt sich dabei um einen ca. 2,50 x 1 m großen Fußboden mit einem schwarz-weißen „Rautenmuster mit Dekor in Spindelform“. Das Mosaik soll „ein Highlight der Archäologischen Landesausstellung und des künftigen Römischen Museums“ werden. Wann genau, steht bislang noch nicht fest.

Jedenfalls ist, so Kulturreferent Jürgen K. Enninger, auch in Zukunft zu erwarten, dass in Augsburg „noch viele herausragende Fundstücke [die] im Boden der Stadt schlummern“ zum Vorschein kommen. „Damit wird sich auch die Präsentation des geplanten künftigen Römischen Museums ständig erneuern. So vervollständigt sich Schritt für Schritt unser Blick auf die Geschichte unserer Stadt.“3

1https://www.kempten.de/romerstadt-kempten-313.html#:~:text=Kempten%20ist%20die%20%C3%A4lteste%20schriftlich,Buch%20des%20Geografen%20Strabon%20auf.

2 https://www.augsburg.de/aktuelles-aus-der-stadt/detail/ausgrabungen-bestaetigen-augsburg-ist-aeltester-roemischer-stuetzpunkt-in-bayern

3zitiert nach der Pressemitteilung der Stadt Augsburg: presse@augsburg.de

Bildnachweis:

Bild 1 – Ein rares römische Mosaik, das im 2./3. Jahrhundert ein Gebäude am Randes Forums von Augusta Vindelicum zierte, wurde nun restauriert und in der Augsburger Stadtarchäologie von Restaurator Matthias Blana, Kulturreferent Jürgen K. Enninger und Stadtarchäologie-Leiter Dr. Sebastian Gairhos ausgepackt.Bildnachweis: © Monika Harrer / KMA

Bild 2 – Das restaurierte Mosaik Bildnachweis: © Ruth Plössel /Stadt Augsburg

Bild 3 – Fundsituation des Mosaiks im Stefansgarten in den 1980er Jahren Bildnachweis: © Stadtarchäologie Augsburg

03. Auf Spurensuche mit Provenienzforscherin Dr. Barth-Coorssen im Schaezlerpalais Augsburg am Internationalen Tag der Provenienzforschung (8. April 2026)

Die Referentin war durchaus über die große Anzahl der Teilnehmenden, die sich zu einer sehr interessanten, informativen Führung im Schaezlerpalais eingefunden hatten, überrascht. Um es gleich vorwegzunehmen: Es war ein wirklich erhellender, trotz der sicher nicht für jeden damit schon vertrauten Materie verständlich vermittelter Vortrag mit anschließender Führung, der den Teilnehmenden immer wieder unerwartete, spannende Einblicke in die Arbeit(sschritte) von Provenienzforschung bzw. in die aktuelle, arbeitsintensive Arbeit der Forscherin vermittelte.1

Auch didaktisch war das Ganze ansprechend aufbereitet. Es durften nach dem Einführungsvortrag nicht nur uneingeschränkt Fragen gestellt werden, die auch nach bestem Wissen und Gewissen bereitwillig beantwortet wurden, nein, auch die Teilnehmenden selbst wurden in die Veranstaltung einbezogen. Bei der anschließenden Führung mittels grüner/oranger/roter Karten durften Vermutungen darüber angestellt werden, wie es um die Herkunft des zur Diskussion stehenden Kunstwerks bestellt sein könnte, bzw. ob es dabei mit ‚rechten Dingen‘, also rechtmäßig-legal zugegangen ist. Manch Teilnehmender hat sich da zu seiner/ihrer Überraschung ziemlich verschätzt…

Das zeigt nicht nur die Schwierigkeiten bei der ‚Ermittlung‘ der Herkunft der Objekte, sondern bedeutet unter anderem eine große Verantwortung auch und gerade in moralischer Hinsicht. Dr. Barth-Coorssen vermittelte in diesem Zusammenhang eine Vielzahl interessanter Informationen zum Lebenslauf des umstrittenen Kunsthändlers Karl Haberstock (1878 – 1956) und seinen Nachlass.2 Es ist m.E. wirklich bemerkenswert, dass die Forscherin nicht ’nur‘ Besitzfragen klären möchte, sondern „auch geschehenes Leid und Schicksale sichtbar machen“ will, denn „Hinter jedem der untersuchten Objekte steht immerhin eine Reihe von Lebensgeschichten“3.

Ebenfalls bemerkenswert ist die Tatsache, dass sich Augsburg in dieser Hinsicht schon früh positioniert hat, um einen Beitrag zur kritischen Aufarbeitung zu leisten. Jürgen K. Enninger, Referent für Kultur, Welterbe und Sport, hat sich dazu so geäußert: „Die Kunstsammlungen [ Museen Augsburg waren im Jahr 2001 eine der ersten, die sich angesichts des kritischen Erbes aus der Nazizeit den Herausforderungen der Provenienzforschung und daraus folgender Restitution gestellt haben. Mit der neu entwickelten Datenbank Haberstock Online-Archiv, unterstützt auch vom  Stiftungsamt, gehen sie nun noch einen Schritt weiter: Bedeutende Quellen der Haberstock-Galerie stehen der internationalen Forschung nun transparent und kostenfrei zur Verfügung. Mit dieser klaren Haltung, vergangenes Unrecht aufzuarbeiten, wird dieses wichtige Engagement Grundlage für unser demokratisches Handeln heute.“4

1 Zum Thema ‚Provenienz‘:  Die Forscherin „beschäftigt sich […] mit der Herkunft von Kunstwerken und Kulturgütern sowie der Frage, unter welchen Umständen sie erworben wurden. Bei ihrer Arbeit geht es nicht nur um die Rekonstruktion der Besitzgeschichte der Objekte, sondern auch um moralische Verantwortung.“ (zitiert nach: Pressemitteilung der Stadt Augsburg vom 1. April 2026, S.2)

2 „Als kritisches Erbe steht bei den Kunstsammlungen [ Museen Augsburg die Stiftung Haberstock im Fokus der Aufarbeitung.“ (Pressemitteilung, S.2)

3 Pressemitteilung, S.3.

4 Pressemitteilung, S.2.

Im Folgenden noch ein Audio-Clip von der Veranstaltung. Die Aufnahme mittels Handy-Diktiergerät wurde mir von der Referentin ausdrücklich genehmigt.

Das Bildmaterial wurde von der Pressestelle für eine Berichterstattung zur Verfügung gestellt.

Bilddatei 1_Sophia Barth-Coorssen vor Haberstockporträt_Foto Martin Augsburger_Kunstsammlungen und Museen.jpg

Bilddatei 2_Haberstock_Online-Archiv_Foto Martin Augsburger_Kunstsammungen und Museen.jpg

04. „Vom Umgang der Römer mit fremden Gottheiten“ – eine spannende Führung durch Jahrhunderte römischer Geschichte mit Dr. Karin Perz

Draußen mit über 30°C fast unerträgliche Hitze, drinnen, im ‚Römermuseum‘ der Stadt Augsburg1 eine wohltemperierte Räumlichkeit und – vor allem – eine wohltuende Erfrischung für den Geist!

Dies ist der Kunst- und Kulturvermittlerin in den verschiedenen Museen der Kunstsammlungen, Stadt-, Museums- und Kirchenführerin in Friedberg, Dr. Karin Perz, zu verdanken.

Ihr Thema: „Vom Umgang der Römer mit fremden Gottheiten“.

Didaktisch gut aufbereitet und anschaulich auch mit verschiedenem Bildmaterial vermittelt – wurden die interessiert lauschenden Zuhörerinnen/Zuhörer immer wieder mit ‚Quizfragen‘ in die Führung einbezogen und konnten so ihr schon vorhandenes Wissen demonstrieren. Oder auch feststellen, dass sie manches historische Detail bisher noch nie gehört oder gelesen haben.

Das Thema Religion begegnet uns sofort im Eingangsbereich mit einer Augustus-Statue. Kaiser Augustus, der Stadtgründer von Augsburg, ist als Priester gekleidet: Der Pontifex Maximus, der oberste Priester, mit einer Toga (kurze Aussprache des ‚o‘!) über dem Kopf  – er hat sich diese Funktion des Pontifex maximus gegeben, weil er auch in religiöser Hinsicht auf seine Untertanen Einfluss nehmen wollte, das war also sehr geschickt.

Die Römer hatten, bis sie das Christentum als Staatsreligion einführten, viele Götter, waren also polytheistisch, wobei sich diese polytheistische Religion im Laufe der Jahrhunderte ständig weiterentwickelt hat, und die Römer haben immer wieder auch fremde Gottheiten in ihre eigene Religion, in ihre eigenen Glaubensrituale aufgenommen.

Im Folgenden kann leider nur ein Überblick über die sehr informative, logisch gut nachvollziehbare, mit vielen Details ausgeschmückte Führung gegeben werden – es finden hier also nur einzelne ‚Stationen‘ Erwähnung.

8. bis 6. Jahrhundert vor Christus: Dem Mythos nach war Romulus der Stifter der römischen Religion, es ist eine typische Religiosität, wie sie für bäuerliche Gesellschaften üblich ist in dieser frühen Zeit des Vegetationskultus. Die Römer glaubten an verschiedene Gottheiten, die sie auch an natürlichen Orten angebetet haben. Das konnten Quellen sein, heilige Bäume oder Haine. Zeus konnte man beispielsweise bei einem Gewitter begegnen.

Die Römer opferten den Göttern und erwarteten dann auch, dass sie ihnen Gutes tun, ihre Bitten erfüllen: Das „Do ut des – Prinzip“ (Ich gebe, damit du gibst) kam dabei zur Anwendung.

Man hat immer auch an Geister geglaubt, die Manen (Geister der Vorfahren), die Geister des Hauses (Laren), die Geister, die für die Vorratskammern zuständig waren (Penaten). Auch an böse Geister hat man geglaubt, die abgewehrt werden sollten. Der Übergang zur ‚Zauberei‘ ist ausgesprochen fließend.

Frühe Republik, 6. bis 4. Jahrhundert vor Christus: Die Religion der Römer wandelt sich jetzt durch die Etrusker. Von ihnen wurden z.B. die Vesta und der Janus übernommen. Jetzt hat man Tempel und Altäre errichtet. Die wichtigsten Götter sind jetzt Jupiter, Minerva (Göttin der Weisheit), Juno (Gattin des Jupiter). Die Bestattungsriten werden jetzt aufwändiger, die Auguren und Haruspices (Weissager) gewinnen an Einfluss auf die religiöse Praxis. Opfertiere werden dargeboten, es gab eine Eingeweideschau, die Beobachtung des Vogelflugs, Gewitter wurden zur Weissagung genutzt.

Durch die Ausdehnung des Reiches ins östliche Mittelmeer kamen dann die griechischen Götter nach Rom. Die olympischen Gottheiten werden übernommen und bekommen lateinische Namen (Zeus z.B. wird zu Jupiter, Hera zu Juno, Minerva zu Athene, Merkur zu Hermes).

Mittlere und späte Republik, 3. bis 1. Jahrhundert vor Christus: Rom hat sich weiter ausgedehnt ins östliche Mittelmeer und dabei orientalische und hellenistische Gottheiten von diesen Völkern übernommen. Dann ist die Republik durch die Bürgerkriege zugrunde gegangen. Augustus hat das Kaiserreich gegründet und sich ‚princeps‘, Erster unter Gleichen, genannt.

Frühe und hohe Kaiserzeit, 27.v. bis 3. Jahrhundert nach Christus: In der frühen und hohen Kaiserzeit sind die wichtigsten Götter weiter die Kapitulinische Trias, also Jupiter, Juno und Minerva. Was dann entsteht, ist der Kaiserkult. Caesar hat sich als ‚divus‘, heiliger Gott, verehren lassen und einen eigenen Tempel gehabt. Augustus, ‚der Erhabene‘, wurde auch schon zu seinen Lebzeiten als ‚filius divi‘ (der Sohn des Heiligen) betitelt, nach seinem Tod als Gott (divus). Alle Kaiser danach wurden auch posthum Götter, außer sie sind der ‚damnatio memoriae‘ anheimgefallen, wenn ihr Gedächtnis aufgrund politischer Entwicklungen getilgt werden sollte. Teilweise haben sich Kaiser schon zu Lebzeiten als Götter verehren lassen, z.B. Caligula. Dieser Kaiserkult war der Hauptgrund für die folgenden Konflikte mit den Christen.

Auch Isis und Serapis2 finden als fremde Gottheiten Eingang in die römische Religion. Die flavischen Kaiser haben diesen Kult sehr intensiv gefördert. Auch der Kult des Mithras hat ganz viel Einfluss gehabt, vor allem im römischen Heer, das ethnisch sehr durchmischt war.

Bei den Römern kam sehr geschickt eine Methode zur Anwendung, ‚interpretatio romana‘ genannt. Nach der Unterwerfung fremder Völker, deren Götter Ähnlichkeiten mit ihren eigenen aufwiesen, wurden Mischgottheiten gebildet, was das Reich sehr stabilisiert hat, weil die Untertanen damit zufrieden waren, dass sie ihre eigenen Gottheiten behalten und zu ihnen weiter beten durften. Das betrifft nicht nur die Etrusker, Griechen, Ägypter und Perser, sondern auch die Kelten.

Eindrucksvoll wurde das Modell eines römisch-keltischen Tempels präsentiert, der sich in einem sehr besichtigungswerten archäologischen Park im bayerischen Faimingen, einem Ortsteil von Lauingen, befindet.

Die Römer haben in der 2. Hälfte des 1. Jahrhunderts die Donau überquert und das Kastell Phoebiana erbaut. Der Name stammt von Phoebus Apollo, der leuchtende Apoll. Und zur Zeit des Adoptivkaisers Antoninus Pius3  ist dann dieser Tempel gebaut worden. Es handelt sich um einen Apollo-Grannus-Tempel.4 Der keltische Heilgott Grannus wird assoziiert mit Apollo und wird sehr gerne an Quellen verehrt, z.B. in Phoebiana [siehe auch Aachen: Aquae Granni]. Diese Quelle war sehr berühmt für ihre Heilkraft [Kaiser Caracalla hat an dieser Quelle Heilung gesucht].

Er war ein ganz wichtiges Heiligtum in dieser Region, und verfiel dann, als sich die Römer im 3. Jahrhundert zurückziehen mussten [Germanen-Übertritte über den Limes!].

1888 begannen die Ausgrabungen, ca. ein Jahrhundert später wurde der archäologische Park eröffnet. Ein von Dr. Perz mitgebrachter Grundriss lässt alles anschaulich nachvollziehen. Der Tempel hat keine Fenster, der Altar ist außerhalb wegen drohender Brandgefahr.

Die keltischen Gottheiten wurden sehr gerne assoziiert mit Apollon [Interpretatio Romana!], Mars oder Merkur. Diese Mischgottheiten haben sehr stark dazu beigetragen, die Kelten zu befrieden.

Der wichtigste Apollo-Tempel ist übrigens derjenige in Delphi, heute UNESCO-Weltkulturerbe. Pythia als Sprachrohr des Gottes Apollon kam in diesem Zusammenhang in einer spannenden Geschichte zur Darbietung.

Über die keltische Heilgöttin Sirona [mit der römischen Heilgöttin Hygieia assoziiert] ging es weiter zum Weihealtar für den Apollo-Grannus, der in der Wolfgangstraße in Oberhausen gefunden worden ist. Eine ganz große Besonderheit ist die Tatsache, dass in einer Inschrift Diana als dritte Göttin [neben Sirona und Apollo] erwähnt wird. Nur in Augsburg ist eine solche Inschrift gefunden worden.

Spätantike, 4.-6. Jahrhundert nach Christus: Weitere Stationen, die hier nur kurz erwähnt zur Sprache kommen: Diokletian und der von ihm sehr intensiv geförderte Mithras-Kult, blutige Christenverfolgungen, die Konstantinische Wende. Das Christentum wird Staatsreligion. Unter Kaiser Theodosius werden schließlich alle heidnischen Kulte verboten, was dann ein allmähliches Verschwinden der römischen Religion zur Folge hat.

Als ‚krönender‘ Abschluss noch etwas ganz Besonderes: Eine in Augsburg am Schwalbeneck geborgene Schale um 340/350 nach Christus, aus 14 Fragmenten zusammengesetzt – die älteste Darstellung mit christlichen Motiven, die wir überhaupt in Bayern haben. Zu sehen sind Adam und Eva nach dem Sündenfall.

Schließlich liefert der auch in Augsburg gefundene Bacchus-Becher5 [Bacchus, der Gott des Weines] ein wunderbares Beispiel für das Nebeneinander der römischen Religion, wie sie sich bis zu diesem Zeitpunkt entwickelt hatte und der christlichen Religion.

Bilanz: Die Römer waren sehr tolerant gegenüber anderen Gottheiten, abgesehen vom Christentum, und sehr geschickt, wenn es darum ging, das eigene Reich zu stabilisieren, indem man quasi diese fremden Gottheiten in die eigene Religion aufgenommen hat. Was die Christen betrifft, so gab es furchtbare Christenverfolgungen. Man hat sie als destabilisierend erlebt, sie wollten den Kaiserkult nicht akzeptieren. Da der Kaiser als das Symbol der Einheit des Reiches angesehen wurde, hat man die Christen als ordnungszersetzend erlebt und bekämpft. Erst nach deren Anerkennung ist Rom ein christliches Reich geworden.

Fazit der Führung: Jederzeit wieder!

1 „Das eigentliche Römische Museum ist seit 2012 geschlossen. Eine Auswahl wesentlicher Exponate wird derzeit im Zeughaus in der Interimsausstellung „Römerlager – Das römische Augsburg in Kisten“ präsentiert.“ [https://kunstsammlungen-museen.augsburg.de/roemerlager]

2 Zu besichtigen war z.B. in einer Vitrine mit Exponaten orientalischer Gottheiten, überwiegend aus dem 2./3. Jahrhundert nach Christus, ein Gefäßdeckel mit der Darstellung von Isis und Serapis.

3 Antoninus Pius (86–161 n. Chr.) war von 138 bis 161 n. Chr. römischer Kaiser. Er gilt als der vierte der sechs großen „Adoptivkaiser“ und wird zu den „Fünf guten Kaisern“ gezählt. Seine 23-jährige Regierungszeit war eine der längsten und friedlichsten Epochen des Römischen Reiches. KI

4 Grannus (gallisch Grannos) ist eine alte keltische Gottheit für Heilkunst, Sonne und Mineralquellen. Als die Römer keltische Gebiete einnahmen, setzten sie ihn mit dem römisch-griechischen Gott Apollo gleich. Daher rührt der Name Apollo Grannus. KI

5 Ein Trinkspruch ist eingeritzt: Vivas in Deo/Du mögest in Gott leben – Pie ceses / Trinke, du mögest leben.

Nota Bene: Der Text wurde mithilfe der genehmigten Aufzeichnung eines Diktiergerätes verfasst und bearbeitet. Das Bild mit Dr. Perz wurde von mir erstellt und von ihr zur Veröffentlichung freigegeben.